Dominic Thiem hat es geschafft. Mit seinem allerersten Titel auf Grand-Slam-Ebene hat sich der 27-jährige Niederösterreicher in New York endgültig in die Riege der ganz großen Spieler im Tennissport eingereiht. Im bereits vierten Anlauf in einem Major-Endspiel nach den French Open 2018 und 2019 sowie dieses Jahr bei den Australian Open hat es nun endlich mit dem großen Wurf für den Weltranglisten-Dritten geklappt: In einem an Dramatik kaum zu überbietenden Finale drehte Thiem das Spiel nach 0:2-Satzrückstand nach hartem Kampf und einer Spielzeit von 4:01 Stunden noch zum 2:6, 4:6, 6:4, 6:3, 7:6-Erfolg und sprach anschließend von einem "würdigen Abschluss der US Open".

Mit dem ersten Grand-Slam-Triumph eines Österreichers auf Hardcourt, beziehungsweise dem erst zweiten Major-Sieg eines heimischen Tennisprofis nach Thomas Muster (French Open 1995) überhaupt, hat der nunmehrige US-Open-Sieger auch seine letzten Kritiker verstummen lassen. War der Lichtenwörther in der Tennisszene lange Zeit als reiner Sandplatz-Spezialist verschrien, hat er sein dominantes Spiel zuletzt auch auf Hartplatz perfektioniert. Dass der erste Grand-Slam-Titel daher ausgerechnet in New York gelingt, ist spätestens seit dem Finalsieg über Allzeit-Legende Roger Federer beim Masters-1000-Turnier in Indian Wells 2019 auf dem gleichen Belag keine Überraschung mehr. Als insgesamt 150. Sieger in der traditionsreichen Geschichte der Grand-Slam-Turniere steht Thiem nun zweifelsohne am Zenit seiner äußerst erfolgreichen Tenniskarriere, die bereits 2001 ihren Anfang fand.

2015 feierte Dominic Thiem seinen Premierensieg auf der ATP-Tour in Nizza. - © apa/Tanaka
2015 feierte Dominic Thiem seinen Premierensieg auf der ATP-Tour in Nizza. - © apa/Tanaka

Einhändige Rückhand als Schlüssel zum Erfolg

Im Alter von nur acht Jahren nahm das heimische Talent eine Profikarriere im Tennissport ins Visier und legte durch intensives Training gemeinsam mit Langzeit-Coach, Mentor und Manager Günter Bresnik den Grundstein für diese. Als Teil einer tennisverrückten Familie - Thiems Eltern Wolfgang und Karin sind selbst Tennislehrer, Bruder Moritz ebenfalls Tennisprofi - gab Dominic Thiem alles, um seinen Traum wahr werden zu lassen. Bresnik formte aus dem Rohdiamanten Thiem, der schon in frühen Jahren die Jugend-Tennisszene dominiert hatte, einen sportlichen Edelstein und hat damit sicherlich einen nicht unwesentlichen Anteil am US-Open-Erfolg seines ehemaligen Schützlings. Dass dieser Prozess allerdings nicht immer unbedingt leicht für den heranwachsenden Star war, zeigte sich unter anderem, als Thiem in Folge der Umstellung auf eine einhändige Rückhand reihenweise Matches verlor. Doch Thiem gab nicht auf - und schaffte auch dank seines verbesserten Rückhandschlags den Durchbruch.

In seinem ersten Grand-Slam-Finale bei den French Open 2018 musste der Niederösterreicher noch Rafael Nadal zum Sieg gratulieren. - © afp/Simon
In seinem ersten Grand-Slam-Finale bei den French Open 2018 musste der Niederösterreicher noch Rafael Nadal zum Sieg gratulieren. - © afp/Simon

Unvergessen ist bis heute sein erster Sieg auf der ATP-Tour: In einem legendären Spiel besiegte der damalige Newcomer Österreichs bis vor kurzem einzigen Grand-Slam-Sieger Thomas Muster in der ersten Runde der Ersten Bank Open 2011. Dem ersten ATP-Finale ausgerechnet beim Heimturnier in Kitzbühel 2014 sollten bereits im Jahr darauf die ersten Titel folgen. Gleich dreimal durfte sich "Domi" über den Siegerpokal freuen: bei den Sandplatz-Turnieren in Nizza, Umag und Gstaad. Auch 2016 schloss Thiem nahtlos an seine Erfolge an und feierte nach nicht weniger als vier Turniersiegen den erstmaligen Einzug in die Top Ten der ATP-Weltrangliste. Besonders bemerkenswert: Seit dem 6. Juni 2016 verließ er das elitäre Feld der zehn besten Tennisspieler der Welt kein einziges Mal.

Nach dem Match gab es eine herzliche Umarmung und Gratulation von seinem Freund und Finalgegner Alexander Zverev. - © USA Today Sports/Parhizkaran
Nach dem Match gab es eine herzliche Umarmung und Gratulation von seinem Freund und Finalgegner Alexander Zverev. - © USA Today Sports/Parhizkaran

Die Konstanz, die der junge Österreicher in den vergangenen Jahren stets an den Tag legte, brachte dem Niederösterreicher viele weitere Erfolge bei ATP-250er- sowie ATP-500er-Turnieren ein. Dennoch: Auf der ganz großen Bühne wollte es lange Zeit nicht mit dem erhofften Durchbruch klappen. Erst als Thiem die Schweizer Tennislegende Roger Federer 2019 im Endspiel von Indian Wells in drei hart umkämpften Sätzen besiegte, war der Weg zum absoluten Tennis-Superstar vorgezeichnet. Mit unglaublichem Engagement und bemerkenswerter Hingabe für den Tennissport erreichte Thiem in den letzten neun Major-Turnieren nicht weniger als viermal den Einzug ins Endspiel - und nun auch erstmals einen Grand-Slam-Titel.

Nach dem bisher größten Erfolg in der Karriere des 27-Jährigen war die Erleichterung riesengroß. "Die ganzen Emotionen, der ganze Druck von dem Match, von dem ganzen Turnier ist auf einmal abgefallen", beschrieb Thiem seine Gefühlslage unmittelbar nach dem verwerteten Matchball. Seine Eltern konnten ob der Corona-Pandemie im größten Tennisstadion der Welt zwar nicht mit dabei sein, gratuliertem ihrem Sohn aber prompt via ServusTV, das eine beachtliche Durchschnittsreichweite von 400.000 Zusehern erreichte: "Es ist so schön, dass du dir deinen Traum fürs Leben erfüllt hast", meinte die stolze Mama Karin Thiem, die übers ganze Gesicht strahlte. Doch auch über die Grenzen Österreichs hinaus sorgte Thiem für positive Schlagzeilen, so schrieb etwa die französische "L’Equipe" vom "Dream Thiem" und auch der Weltranglisten-Erste Novak Djokovic gratulierte zum "fantastischen Match". Neben der Erhöhung seines Bekanntheitsgrades beziehungsweise Marktwerts darf sich der Weltranglisten-Dritte außerdem über ein Preisgeld in Höhe von 3 Millionen US-Dollar (2,53 Millionen Euro) sowie 2.000 ATP-Zähler freuen. Damit ist Thiem in der ATP-Weltrangliste bis auf 725 Zähler an den zweitplatzierten Rafael Nadal (Sp) herangerückt und auch der führende Djokovic scheint mit einem Vorsprung von nur noch 1.735 Punkten auf Thiem in Reichweite.

Mit Lockerheit in die nächsten Turniere

Dass das neue Siegergesicht auf Grand-Slam-Ebene in näherer Zukunft auch den Sprung auf Weltranglistenposition eins schaffen wird, scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Thiems Langzeitcoach Günter Bresnik ist sich jedenfalls sicher, dass "die Ablöse jetzt in schneller Zeit über die Runden gehen wird" und hofft, dass der US-Open-Triumph seinem ehemaligen Schützling "einen entsprechenden Boost für die Zukunft geben wird". Auf die Frage, was dieser erste Grand-Slam-Titel für seine weitere Karriere bedeuten könnte, meinte auch Thiem selbst: "Ich hoffe und erwarte , dass mir das hilft und ich ein bisserl lockerer in die Matches und in die ganz großen Turniere reingehe." Dies kann Dominic Thiem bereits in weniger als einer Woche beweisen, wenn am 21. September mit den French Open das nächste Grand-Slam-Turnier startet. Denn selbst wenn mit Sandplatz-König Rafael Nadal ein anderer Favorit ist, so ist Thiem nach seinem Premierensieg auf Grand-Slam-Ebene alles zuzutrauen. Günter Bresnik weiß: "Mit einem Grand-Slam-Titel wird er sich sicher nicht zufriedengeben."