Wer auf Langstreckenflügen leicht in den Schlaf findet, darf sich glücklich schätzen. Dominic Thiem gehört jedenfalls nicht dazu. Müde, aber dennoch glücklich und entspannt trat er nach seinem Flug von New York nach Wien direkt nach der Landung vor die versammelte heimische Presse. "Ich habe von den letzten 50 Stunden nur zwei Stunden geschlafen - ich bin ziemlich paniert", meinte der 27-Jährige bei strahlendem Sonnenschein im UniCredit-Tennis-Center am Kaiserwasser in Wien.

Strahlend war auch Thiems Lächeln. Viel Zeit nach dem historischen US-Open-Sieg seine Gedanken zu ordnen, hatte der Lichtenwörther noch nicht gehabt - und das sah man ihm auch bei dieser Pressekonferenz an. Immer wieder wurde Thiem auf das epische Finale gegen den Deutschen Alexander Zeverev in Flushing Meadows angesprochen, in dem er nahezu aussichtslos zurücklag. "Es war unglaublich. Ich habe nervös begonnen, weil ich schon im Hinterkopf hatte, dass ich erstmalig als Favorit in ein Grand-Slam-Finale gehe", gestand er. "Nach dem Matchball habe ich aber nur pures Glück empfunden."

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Den Sieg wirklich realisiert habe er aus diesem Grund immer noch nicht. Auf die Frage, ob und wann er als aktuelle Nummer drei der Weltrangliste den Gesamtführenden Novak Djokovic entthronen werde, schüttelte Thiem nur den Kopf. Das sei nicht das vorrangige Ziel, sondern der Sieg bei den French Open, die Corona-bedingt in 14 Tagen in Paris starten. "Die Umstellung auf Sand wird nicht allzu schwer und auch die körperlichen Strapazen werde ich bald überstanden haben", erklärte der Grand-Slam-Champion.

Aus diesem Grund hat Thiem nach seinem Triumph in Amerika auf ein Antreten bei den Masters, die am Wochenende in Hamburg starten, verzichtet. Auch das derzeit laufende Turnier in Rom hatte er sausen lassen. "Die ganzen vier Wochen in der Bubble mit vielen anstrengenden Matches plus den ganzen Emotionen, dem ganzen Druck und dem verrückten Finale. Von dem her wäre es nicht gescheit, in Hamburg zu spielen", sagte Thiem, der einerseits gerne Matchpraxis gesammelt hätte, andererseits aber unbedingt geistig und körperlich fit nach Paris reisen wollte. "Da ist Zweites eindeutig wichtiger", betonte der Ranglistendritte.

In der österreichischen Heimat gönnt sich Thiem nun ein paar Tage Pause, zum Wochenende hin will er das Training auf Sand aufnehmen. "Am Mittwoch kommender Woche werde ich wahrscheinlich die Anreise nach Paris antreten. Aber jetzt freue ich mich einmal auf Dinge, die man nicht mit Geld kaufen kann: Zeit mit meinem Hund, der Familie, meinen Freunden und einfach die Freiheit genießen." Damit spielte der 27-Jährige auf seine Zeit in der New Yorker Bubble an: "Die Zeit dort war wirklich heftig, die Maßnahmen wirklich rigoros. So ähnlich wird es vermutlich auch bei den French Open zugehen."

Rechtsstreit mit Bresnik

Überschattet wurde Thiems Rückkehr lediglich von einem Rechtsstreit der Familie mit Ex-Trainer Günter Bresnik. Wie Thiems Vater Wolfgang im Fernsehen bekannt gab, habe Bresnik im Zusammenhang mit seiner Ablöse als Coach Klage eingereicht. "Mich macht es wirklich traurig. Ich war ein guter Freund von Günter Bresnik. Wir sind mittlerweile so weit, dass er uns verklagt hat. Die Situation ist unerfreulich, aber die Geschichte ist für mich gegessen", sagte der Vater des US-Open-Siegers.

Bresnik war für eine Stellungnahme dazu am Dienstag vorerst nicht erreichbar. Die Thiem-Familie hat im Vorjahr die Zusammenarbeit mit dem langjährigen Trainer und Manager beendet. Seit Mai 2019 wird Thiem von Herwig Straka gemanagt, als Trainer fungiert Olympiasieger Nicolas Massu aus Chile. Seit das Duo werkt, gehe die Entwicklung nach oben, so Wolfgang Thiem über seinen Sohn. "Natürlich reift er durch die sportlichen Erfolge. Aber er hat sich zu einer selbständigen Person entwickelt, weil er begonnen hat, selbst zu entscheiden."(rel)