Da wusste einer, wovon er spricht. Als Titelverteidiger Egan Bernal vor Beginn der Tour de France Primoz Roglic die Favoritenrolle zugeschoben hatte, konnte noch keiner erahnen, wie stark der Slowene tatsächlich in Form sein würde. Achtzehn Etappen später scheint jedoch klar: Roglic ist auf dem Weg zu seinem ersten Tour-de-France-Sieg kaum noch aufzuhalten. Hürden gab es auf diesem allerdings einige zu meistern.

Die größte Herausforderung war - wie sollte es anders sein - die Corona-Pandemie. Die Athleten dürfen aufgrund der Virusgefahr ihre Bubble nie verlassen. Maskenpflicht in Bus, Hotel und sogar bei der Siegerehrung inklusive. Gerade deshalb sorgte ein positiver Covid-19-Test von Renndirektor Christian Prudhomme am ersten Ruhetag für Aufregung. Doch nicht nur das. Da auch vier Mitarbeiter von Rennställen positive Proben ablieferten, wurde von nun an das große Zittern ausgerufen. Denn sollte auch nur ein weiterer Fall in den darauffolgenden Tagen auftreten, würden die Teams von der Tour ausgeschlossen. Diese Sorge erwies sich allerdings als unbegründet - es kam zu keinen weiteren positiven Testungen. Bis jetzt.

Vom Sprungski aufs Rennrad

Von all dem Chaos rund um die Corona-Regeln ließ sich vor allem ein Athlet nicht aus der Ruhe bringen: Primoz Roglic. Am 6. September hatte der Slowene die Führung übernommen - und seitdem nicht mehr abgegeben. Besonders bemerkenswert: Der 30-Jährige verfügt über deutlich weniger Radrennerfahrung als seine Kontrahenten, war er bis 2011 noch als Skispringer im Einsatz. Doch nachdem Roglic die Sprungski gegen das Rennrad tauschte, ist er um einiges erfolgreicher.

Nach je drei Etappensiegen bei den Radrenn-Klassikern Giro d’Italia und Tour de France sowie dem Sieg der Vuelta a Espana 2019, könnte dem Slowenen bei der diesjährigen Tour endgültig der große Coup gelingen. Mit einem Vorsprung von 57 Sekunden auf Landsmann Tadej Pogacar vor den abschließenden drei Etappen darf sich der Mann aus Zagorje berechtigte Hoffnung auf den Gesamtsieg machen. Nachdem Titelverteidiger Bernal nach mäßigen Leistungen das Handtuch warf, scheint der Weg trotz des Ausschlusses seines Teamchefs Merjin Zeeman frei zu sein. Da am Freitag (nach Redaktionsschluss) eine eher leichte Überführungsetappe am Programm steht, muss Roglic einzig noch das Bergzeitfahren am Samstag überstehen, um sich zum Gesamtsieg gratulieren lassen zu dürfen.

Dennoch wird, wenn die Athleten am Sonntag auf der Champs-Élysées in Paris die Ziellinie überquert haben werden, ein schaler Beigeschmack bleiben. Zumal der Ex-Skispringer Roglic nach seinen fulminanten Auftritten vermehrt mit Doping-Vorwürfen konfrontiert wird. Darauf angesprochen meinte er nur: "Von meiner Seite aus könnt ihr mir vertrauen. Ich habe nichts zu verstecken." Allerdings soll der slowenische Radsport in die Blutdopingaffäre rund um den Erfurter Sportmediziner Mark S. verwickelt sein, sodass man gespannt sein darf, ob mit der Zielankunft am Sonntag in Paris tatsächlich das letzte Kapitel der 107. Tour de France geschrieben sein wird.