Zum bereits 27. Mal in seiner Karriere reiste Dominic Thiem Mitte der Woche zu einem Major-Turnier an. Leicht ist man angesichts der großen Anzahl an gespielten Grand Slams versucht, von "Routine" oder gar "Alltag" zu sprechen. Doch nicht diesmal. Denn wenn Thiem Anfang der nächsten Woche zu seinem Erstrundenmatch bei den mit 1,6 Millionen Euro dotierten French Open aufschlagen wird, so wird er dies erstmals als frischgebackener Grand-Slam-Sieger tun. Neben Österreichs Nummer eins werden auch Dennis Novak sowie der Sieger aus der Begegnung Sebastian Ofner gegen Jurij Rodionov im Hauptfeld vertreten sein.

Die Auslosung brachte allerdings ein hartes Los für die Österreicher. Thiem trifft in der ersten Runde der French Open auf den kroatischen Routinier Marin Cilic, in einem etwaigen Achtelfinale könnte es gegen den Sieger aus Stan Wawrinka gegen Andy Murray gehen, im Halbfinale droht dem Weltranglistendritten die hohe Hürde Rafael Nadal. Auch Dennis Novak steht in Person des Deutschen Alexander Zverev ein harter Prüfstein gegenüber.

Der seit Jahren als "Sand-Prinz" titulierte Thiem, der jedoch nicht zuletzt mit seinem US-Open-Erfolg auf Hartplatz seine Allround-Fähigkeiten unter Beweis stellte, könnte mit dem Selbstvertrauen sowie der neu gewonnen Lockerheit trotz der schwierigen Auslosung sehr gefährlich werden: "Es kann meinem Spiel sehr guttun. Ich hoffe, dass ich den Rückenwind, den ich mir mit dem US-Open-Titel gegeben habe, ausnütze in Paris." Nach zwei Finali 2018 und 2019 ist Thiem trotz der Strapazen von New York und der kurzfristigen Umstellung von Hartplatz auf Sand jedenfalls alles zuzutrauen.

Doch wenngleich der Niederösterreicher ein heißer Anwärter auf seinen zweiten Grand-Slam-Erfolg in Serie ist, so trägt der Topfavorit mit Rafael Nadal freilich einen anderen Namen. Der 19-fache Major-Sieger konnte die French Open im Laufe seiner langen Karriere nicht weniger als zwölf Mal gewinnen - in diesem Jahr möchte er diesen Rekord auf dreizehn Erfolge ausweiten. Doch obwohl der Spanier seit 2004 überhaupt erst dreimal einem anderen in seinem "Wohnzimmer" den Vortritt hat lassen müssen, stehen die Vorzeichen im Corona-Jahr 2020 deutlich anders.

Neuer Termin, neue Bälle - neues Spiel

Nach seinem Verzicht auf die US Open sowie seinem Viertelfinal-Aus beim Masters-1000-Event in Rom könnte dem Sandplatz-König nun die fehlende Matchpraxis zum Verhängnis werden. Tennis-Legende Boris Becker jedenfalls rechnet nicht mit einer solchen Dominanz wie in der Vergangenheit: "Er bleibt meine Nummer eins auf den Titel, aber ich glaube, die Chancen der anderen in diesem Jahr sind deutlich größer."

Und das aus gutem Grund, werden die diesjährigen French Open doch anders als in den Vorjahren über die Bühne gehen. So zum Beispiel angesichts des Spieltermins. Statt wie traditionell Ende Mai beziehungsweise Anfang Juni geht das größte Sandplatz-Tennisturnier der Welt heuer erst vier Monate später in Szene. Was für einen Laien ein zu vernachlässigender Unterschied sein mag, bedeutet für die Tennisprofis gänzlich andere Spielbedingungen. Denn aufgrund der niedrigeren Temperaturen wird der Belag im Stade Roland Garros wesentlich langsamer sein. Nicht unbedingt ein Vorteil für Nadal.

Während Dominic Thiem die kühleren Außentemperaturen weniger zu schaffen machen, sind die Sorgen ob der neuen Roland-Garros-Bälle von Wilson etwas größer. "Die Babolat waren eigentlich meine Lieblingsbälle, die waren schön schnell, perfekt für mein Spiel", so der Weltranglistendritte. Die langsameren Bälle, die mehr "aufgehen", werden wohl für veränderte Bedingungen und Ergebnisse sorgen.


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Veränderte Bedingungen wird es nicht zuletzt auch aufgrund der Corona-Pandemie geben. Ähnlich wie schon bei den US Open vor zwei Wochen heißt es auch in Paris: Freiheit ade. Denn die Tennisspieler dürfen die "Tennis-Blase", in der ausschließlich zwischen der Anlage und dem Hotel gependelt werden darf, im Laufe des Turniers nicht verlassen. Mit an Board sind im Team Thiem nur Trainer Nicolas Massu und Physiotherapeut Alex Stober. Mehr Begleitpersonen sind nicht erlaubt. Dennoch: Der Tatsache zum Trotz, dass auch in Frankreich die Zahl der Corona-Neuinfektionen stark im Steigen begriffen ist, dürfen pro Tag immerhin 1.000 Personen auf die Anlage. Keine Geisterspiele wie in New York also. Vorerst zumindest.

Denn schon vor dem ersten Schlag in der Qualifikation gab es bereits die ersten Corona-Fälle bei den French Open. Nachdem bereits am Sonntag fünf männliche Spieler vom Turnier ausgeschlossen worden waren, wurde am darauffolgenden Tag auch eine Spielerin positiv getestet.

Bleibt also nur zu hoffen, dass die French Open ähnlich gut über die Bühne gehen wie das Grand Slam in New York. Dominic Thiem jedenfalls würde es freuen - und auch Coach Massu blickt dem Turnier optimistisch entgegen: "Finale bei den Australian Open, Sieg in New York - hoffentlich findet dieser Superlauf eine Fortsetzung."