Dass ihm das Racket in die Wiege gelegt worden sei, wäre zwar eine ein bisserl übertriebene Behauptung, ganz abwegig wäre sie freilich nicht. Denn schon sein Vater Christian war ein erfolgreicher Tennisspieler, nun hat Casper Ruud den ehemaligen Top-40-Mann bereits übertroffen. Vor den French Open in Paris stand er bereits auf Platz 25 der Welt und ist damit einer der aufstrebenden Spieler dieser Saison. Heute, Freitag, ab 11 Uhr, stellt sich der 21-jährige aus Oslo Dominic Thiem in der dritten Runde in den Weg.

Für die beiden ist es das erste offizielle Aufeinandertreffen, beim "Thiem’s 7"-Schauturnier in Kitzbühel haben sie aber bereits gegeneinander gespielt. Damals setzte sich Thiem zwar in zwei Sätzen durch, hatte aber beim 7:5, 7:6 gegen das norwegische Talent durchaus zu kämpfen. "Es wird wieder ein schwieriges Match", sagt der Weltranglistendritte aus Niederösterreich. "In Kitzbühel war es eine gute, enge Partie."

Favorit ist freilich Thiem. - © APAweb / Reuters, Charles Platiau
Favorit ist freilich Thiem. - © APAweb / Reuters, Charles Platiau

Allerdings konnte Thiem in den ersten beiden Runden bei den Dreisatzsiegen über Marin Cilic und Jack Sock mehr Energie sparen als Ruud, der gegen den US-Amerikaner Tommy Paul fünf Sätze brauchte, ehe er wie im Vorjahr in die dritte Runde einzog. Schon damals hat der junge Norweger mit Siegen über Pablo Andujar sowie Matteo Berrettini aufgezeigt, ehe er sich Roger Federer geschlagen geben musste. Und seither hat sich der Mann, der nicht seinen Vater, sondern niemand Geringeren als Sandplatz-König und Paris-Rekordsieger Rafael Nadal als Vorbild angibt und auch in dessen Akademie in Mallorca trainiert, noch einmal gesteigert. Im Frühjahr holte er in Buenos Aires seinen ersten ATP-Titel – den ersten eines Norwegers überhaupt - , es folgte unter anderem das Finale in Santiago de Chile, ehe die Corona-Pause seinen Aufschwung vorerst bremste – mit der Betonung auf "bremste", nicht "stoppte".

Weltspitze bei den Junioren

Denn zuletzt konnte der junge Mann, der auch ein begeisterter Golfer und Eishockey-Fan ist, nahtlos an die Erfolge vom Frühjahr anschließen. Bei den US Open erreichte er abermals die dritte Runde, in Rom sein erstes Masters-1000-Halbfinale, ehe das Aus gegen Novak Djokovic kam. Seinen stärksten Schlag, die mit Extrem-Spin gespielte Vorhand, kann der ehemalige Weltranglistenerste bei den Junioren, der schon mit 16 Jahren im norwegischen Daviscup-Team debütierte, am besten auf Sand ausspielen, "dort fühlt er sich am wohlsten", weiß auch Thiem.

Auf diesem Belag hatte Ruud vor den French Open überhaupt mit 15:4-Siegen die beste Saisonbilanz aller Spieler – wenngleich man dieser aufgrund der unterschiedlichen Turnierpläne und der Corona-Pause nicht allzu viel Bedeutung beimessen muss. Vielleicht könnte sich die intensive Turniertätigkeit des Vielspielers sogar eher negativ auswirken, vielleicht, meint auch Thiem, "ist er schon ein bisserl müde".

Thiem selbst verspürt die Müdigkeit nach seinem US-Open-Sieg und der kurzen Umstellungszeit auf Sand nicht – noch nicht, wie er selbst sagt. Vielmehr habe ihm der Triumph in New York einen zusätzlichen Adrenalinkick gegeben. Den verspürte freilich zuletzt auch sein Gegner, denn auch er hatte Grund zur Freude: Die Tampa Bay Lightning, die erst vor wenigen Tagen den Stanley-Cup in der nordamerikanischen Eishockey-Liga NHL gewannen, sind die absolute Lieblingsmannschaft Ruuds. Nun will Casper Ruud selbst am Court für Blitzlichter sorgen.