Eigentlich wollte sich Vincenzo Nibali auf das Rennen konzentrieren; auf den nächsten Höhepunkt im dicht gedrängten Radsportkalender, auf die Jagd nach dem rosa Trikot und also seinem dritten Gesamtsieg beim Giro d’Italia, dessen 103. Auflage am Samstag in Sizilien beginnt und binnen drei Wochen über das Hochgebirge und durch mutmaßlich winterliches Wetter bis nach Mailand führt. Doch als ob diese Aufgabe nicht schon schwierig genug wäre, als ob die Coronavirus-Pandemie nicht eh schon jedes sportliche Ereignis überschatten würde, kommt nun eine neue Herausforderung auf den Star des Trek-Segafredo-Teams hinzu. Denn seit sein Rennstall den jungen Quinn Simmons, der sich im Internet als Trump-Fan gibt und sich dabei in den Aussagen des Teams zu "spalterischen und schädigenden Äußerungen" hinreißen hatte lassen, suspendiert hat, gehen im Internet die Wogen hoch.

Die Journalistin, deren Trump-kritischer Tweet Auslöser der Meinungsverschiedenheit mit Simmons gewesen war, musste wegen wüster Drohungen und Beschimpfungen sogar ihren Account offline nehmen. Nibali wollte darauf im Vorfeld des Rennens nicht eingehen. Für ihn geht es darum, den Italienern in dieser schwierigen Zeit den ersten Heimsieg seit 2016 zu bescheren. Rund um ihn wurde ein Team mit Routiniers wie Gianluca Brambilla und Pieter Weening aufgebaut, die ihn sicher durch die Berge bringen sollen.

Thomas, Yates, Fuglsang als Herausforderer

Das wird auch notwendig sein, wartet der Giro, an dem auch die Österreicher Patrick Konrad, Patrick Gamper (beide Bora), Hermann Pernsteiner (Bahrain-McLaren) sowie Matthias Brändle (Team Israel) antreten, doch heuer mit einer besonders schwierigen Berg- und Talfahrt auf. Schon in der ersten Woche geht es auf vier Bergetappen, darunter jener auf den Ätna, ebenso heiß wie hoch her. Und die letzte Woche hat es dann mit mehreren Teilstücken auf mehr als 2.700 Meter, darunter jene über das Stilfser Joch und den Colle dell’Agnello ebenso in sich.

Luca Guercilena, General Manager des Trek-Segafredo-Teams, zeigt sich aber zuversichtlich, dass die Hürden auf und abseits der Strecke gemeistert werden. "Wir haben großes Vertrauen in Vincenzos Fähigkeiten, seine Erfahrung, seine Persönlichkeit und seine Professionalität. Und natürlich haben wir dasselbe Vertrauen, dass seine Teamkollegen mehr als hundert Prozent geben werden, um ihn zu unterstützen", sagt er. Die härtesten Rivalen dürften Ex-Tour-Sieger Thomas (Ineos), der unlängst bei Tirreno-Adriatico erfolgreiche Simon Yates (Mitchelton) und Jakob Fuglsang (Astana) sein. Außerdem wird mit dem einen oder anderen Außenseiter zu rechnen sein, möglicherweise ist auch der vor der Tour verletzt ausgefallenen Steven Kruijswijk (Jumbo) bereits wieder siegfähig.

Der 35-jährige Nibali möchte das freilich mit all seiner Routine verhindern, den nächsten Sieg bei einer Grand Tour nach der Vuelta 2010, dem Giro 2013 und 2016 sowie der Tour de France 2014 einfahren - und seinem Team wieder positive sportliche Schlagzeilen bescheren.