Sie haben größtmöglichen Respekt voreinander. Sie mögen einander. Ja, sie würden sich sogar als so etwas wie Freunde bezeichnen. Doch am Dienstag wird all das nicht zählen, wenn es für Dominic Thiem und Diego Schwartzman im direkten Duell um das Erreichen des French-Open-Halbfinales geht. Thiem ist als Weltranglistendritter zwar Favorit gegen den als Nummer 14 gereihten Argentinier, nach seinem Fünfsatz-Krimi gegen Hugo Gaston, der ihn mit unzähligen Stoppbällen "an den Rande des Wahnsinns" gebracht hatte, wie sein Physiotherapeut Alex Stoiber sagt, aber nicht nur körperlich ermüdet, sondern auch gewarnt. "Natürlich weiß jeder, dass ich gegen Diego wieder voll laufen muss. Es wird sehr viele lange Rallyes geben und wenige freie Punkte mit dem Aufschlag, weil er einer der besten Returnspieler ist, die es gibt", sagt Österreichs Tennis-Aushängeschild, das in den beiden vergangenen Jahren im Endspiel der French Open stand und nach seinem Australian-Open-Finale mit dem Sieg bei den US Open neuerlich Kraft getankt hat. Schön langsam, so Thiem, mache sich der Substanzverlust aber bemerkbar. "Ich fahre sicher nicht mehr mit vollem Tank", erklärte er nach dem hart erkämpften Sieg über Gaston, bei dem er erstmals in diesem Turnier Sätze abgeben musste.

Schwartzman indessen ist es gelungen, ohne Satzverlust in die Runde der letzten Acht einzuziehen. Dass es deswegen Nickligkeiten zwischen den beiden geben könnte, schließt Thiem, der gegen den Argentinier eine 6:2-Siegbilanz aufweist, aber aus. Dafür kenne man einander zu gut. "Wir sind echt gute Freunde bis auf die paar Stunden, in denen wir gegeneinander spielen. Im Tennis muss man sich nicht körperlich wehtun, man berührt sich nicht einmal - von dem her ist das echt einfach", erklärt Thiem und fügt hinzu: "Zwischen uns rennt echt der Schmäh immer, wenn wir uns sehen, auch die Matches gegen ihn sind immer super fair, machen richtig viel Spaß." Zudem habe er gegen den kleinen Argentinier schon "einige geile Partien gespielt", sagt er - und erinnert an das Wien-Finale 2019.

Schwartzman weiß genau, wie schwer es gegen Thiem wird. "Ich muss alles perfekt machen, denn er spielt das bisher bestes Tennis seiner Karriere. Ich glaube, dass er nach den US Open jetzt sehr viel Selbstvertrauen hat", sagt der 28-Jährige aus Buenos Aires. Zudem wisse Thiem sehr gut, wie man in Roland Garros spielt.

Schwartzman, der im Achtelfinale in drei Sätzen über Lorenzo Sonego hinweggebraust ist, hat sich den fünften Satz zwischen Thiem und Gaston beim Ausradeln angesehen. Er selbst war in Windeseile in die Runde der letzten Acht eingezogen. "Wir haben dann gescherzt. ‚Okay, das ist das letzte Mal, dass wir bis Dienstag sprechen‘", erzählt der Südamerikaner lächelnd. "Er spielt großartiges Tennis. Aber wenn ich so spiele wie in den vergangenen zwei Wochen, habe ich meine Chancen", glaubt Schwartzman.

Der Sieger trifft dann übrigens erst am Freitag im Semifinale möglicherweise auf den Sandplatz-König: Es könnte also zu einer Wiederholung der beiden Finali 2018 und 2019 zwischen Thiem und Rafael Nadal kommen. Der Spanier bekommt es davor im Viertelfinale mit dem jungen Italiener Jannik Sinner zu tun, der sich überraschend in vier Sätzen gegen den Deutschen Sascha Zverev durchgesetzt hat. Nadal fehlen noch drei Siege zum 20. Grand-Slam-Sieg, dem 13. bei den French Open. So weit ist es aber freilich noch nicht. Zunächst gilt es für Thiem, die Freundschaft auszublenden.