Natürlich hätten sich Österreichs Tennis-Fans etwas anderes gewünscht. Natürlich wäre es schön gewesen, wenn Dominic Thiem es zum fünften Mal hintereinander ins Halbfinale, zum dritten Mal ins Endspiel oder gar zum ersten Mal zum Titel bei den French Open geschafft hätte. Doch weil nicht ist, was nicht hat sein sollen, dürfen nun Tennis-Freunde auf aller Welt und also auch in Österreich einem ganz besonderen Endspiel entgegenfiebern. Denn nur je ein Sieg fehlen Rafael Nadal und Novak Djokovic zum nächsten Duell zweier Tennis-Giganten um einen Major-Titel.

Setzen sich der Spanier gegen den Viertelfinal-Bezwinger Thiems, den Argentinier Diego Schwartzman, und der Serbe gegen den Griechen Stefanos Tsitispas heute im Halbfinale durch (ab 15 Uhr), dann wird die Regentschaft der Big Three fortgesetzt. Vor dem US-Open-Sieg von Thiem hatten entweder Nadal, Djokovic oder Roger Federer 13 mal en suite bei Grand-Slam-Events gewonnen. Doch beide Superstars werden das mögliche Wunschfinale vieler Tennisfans maximal im Hinterkopf haben. Denn beide haben am Freitag keinesfalls leichte Halbfinalhürden vor sich: Der 33-jährige Djokovic hat gegen den elf Jahre jüngeren Tsitsipas nur eine 3:2-Bilanz. Zudem klagte er über Nacken- und Schulterprobleme, und er musste beim Viersatz-Sieg über Pablo Carreno Busta auch am Oberarm behandelt werden. "Ich habe mich nicht gut gefühlt, als ich heute auf den Platz gekommen bin", erzählte der "Djoker", der in Paris bisher einmal (2016) triumphiert hat. Erst bei fortschreitender Partie habe er sich besser gefühlt. Genaueres wollte er nicht preisgeben. "Ich bin noch im Turnier", sagte er.

Tsitsipas steht zum zweiten Mal nach den Australian Open 2019 in einem Major-Semifinale, Djokovic allein in Paris schon zum zehnten Mal. Der 22-jährige Grieche hat seinen bisher größten Titel im November 2019 geholt: Beim World-Tour-Finale in London hatte er Thiem im Endspiel 6:7, 6:2, 7:6 bezwungen. Nun war es aber Thiem, der vor wenigen Wochen bei den US Open die Vorherrschaft der Big Three - wenn auch in Abwesenheit von Nadal und Federer - durchbrochen hat. Und Thiem ist für Tsitsipas auch eine Art Vorbild, wie dieser nach seinem Dreisatzsieg über den Russen Andrej Rublew sagte: "Dominic inspiriert mich sehr. Was er erreicht hat, ist erstaunlich. Dass er hier zwei Finali in Folge erreicht hat, ist wirklich motivierend." Thiem helfe ihm, das Spiel besser zu verstehen. "Ich kann viel von ihm lernen und es meinem Spiel hinzufügen. Von den jüngeren Spielern ist er jemand, zu dem ich wirklich aufschaue", sagte der Weltranglistensechste über den US-Open-Champion.

Nadal könnte mit Titel auch den "Hunderter" knacken

Auch Nadals letzte Hürde vor seinem möglichen 13. Roland-Garros-Endspiel hat starken Thiem-Bezug. Schwartzman ist nicht nur Thiems Viertelfinal-Bezwinger, sondern auch einer der besten Freunde des Niederösterreichers. Doch der kleine Argentinier, der mit dem erstmaligen Einzug in ein Major-Halbfinale ab Montag als Achter erstmals in den Top Ten aufscheinen wird, ist gegen Nadal eigentlich noch größerer Außenseiter. Daran ändert nichts, dass Schwartzman zuletzt im Viertelfinale von Rom einen überraschenden 6:2, 7:5-Sieg gefeiert hat. Für Nadal war Rom die erste Tour-Veranstaltung seit Februar gewesen. Und in seinem "Wohnzimmer" in Paris, im Best-of-Five, ist Nadal zwei Klassen stärker einzuschätzen. Standesgemäß hat der 34-jährige Mallorquiner bisher auch keinen Satz abgegeben.

Von bisher zehn Begegnungen mit Schwartzman hat Nadal nur jene in Rom verloren. Nadal hatte den US-Trip wegen der Coronavirus-Pandemie ausgelassen und sich ganz auf die French Open konzentriert. Er hat in bisher 100 Matches allein in Roland Garros nur zwei verloren. Der Weltranglistenzweite peilt in Paris seinen 13. French-Open-Titel an, womit er mit Roger Federer in der Allzeit-Bestenliste mit dem 20. Major-Erfolg gleichzöge. Ein Finalsieg wäre dann gleichbedeutend mit dem 100. Einzelsieg im Westen der Seine-Stadt.

Für Novak Djokovic geht es indessen um den direkten Anschluss an Federer und Nadal in der Grand-Slam-Statistik, gemeint ist der 18. Major-Titel. Doch ehe es zum großen Showdown am Sonntag (15 Uhr/ORF Sport+/Eurosport) kommt, müssen die beiden Allzeitgrößen am Freitag noch die jeweils sechste Hürde meistern.(apa/red)