Es war eine Randnotiz bei den French Open 2019, dieser Tage fühlen sich viele daran erinnert: Simona Halep schlägt Iga Swiatek im Achtelfinale in gerade einmal einer Dreiviertelstunde mit 6:1, 6:0, hieß es damals. Doch seither sind 16 Monate vergangen, und es ist viel passiert. Es kam eine neue Saison, es kam Corona - und es kam: Iga.

Die 19-Jährige ist die Sensation in der an solchen nicht gerade armen Geschichte des diesjährigen Turniers. Im Achtelfinale war sie es, die mit Titelfavoritin Halep kurzen Prozess machte, und wer geglaubt hätte, dass wenigstens der darauffolgende Halbfinaleinzug die Nerven bei der Polin würde flattern lassen, wurde eines Besseren belehrt.

Im Finale fordert sie die Weltranglistensechste Sofia Kenin. - © APAweb / Reuters, Charles Platiau
Im Finale fordert sie die Weltranglistensechste Sofia Kenin. - © APAweb / Reuters, Charles Platiau

Swiatek fegte auch über Nadia Poroska, eine weitere French-Open-Sensation, hinweg und zog als erste Polin in der offenen Ära ins Roland-Garros-Finale ein - und das nicht nur mit Nerven aus Stahl, sondern auch mit Schlägen, die von Armen beinahe aus Stahl fabriziert scheinen. Ihr Stil, in dem sie Kraft, Technik und Variabilität vereint, ist geeignet, auch Australian-Open-Siegerin Sofia Kenin, mit 21 Jahren eine weitere der jungen Garde, im Finale am Samstag (15 Uhr MESZ/Eurosport) in Verlegenheit zu bringen.

Zu verlieren hat Swiatek als (noch) Nummer 54 der Welt gegen die auf Platz sechs liegende US-Amerikanerin nichts. Und auch wenn sie in ihrer Heimat schon als neuer Star und künftige Grand-Slam-Siegerin gefeiert wird, ist es ihr bis jetzt perfekt gelungen, sich selbst nicht allzu sehr unter Druck zu setzen.

Sie bemühe sich, die Erwartungen niedrig, das Level hoch zu halten, lautet ihr Credo, das ihr von ihrer Sportpsychologin Daria Abramowicz eingetrichtert wurde. "Die mentale Stärke ist das Wichtigste im Tennis. Denn spielen können alle. Die, die dem Druck am besten standhalten, sind auch die Besten", sagt sie - und gibt mit 19 Jahren ungewohnt reife Einblicke in ihr Gefühlsleben. "Ich habe schon mit anderen Psychologen gearbeitet. Aber Daria versteht mich auf eine Art, die fast verrückt ist. Durch sie weiß ich mehr über mich und kann das besser aufs Match übertragen."

Umgeben von Profis

Während andere junge Spielerinnen etwa nach 1:6, 0:6-Niederlagen - wie ihre gegen Halep im Vorjahr - geknickt wären, habe sie versucht, auch daraus etwas zu lernen. "Es hat sich für mich nichts geändert, nur die Erfahrung", sollte sie später einmal sagen. Ein Pluspunkt in der Zusammenarbeit mit Abramowicz, die sie auch auf Turnieren begleitet, sei, dass diese als ehemalige Profiseglerin nicht nur theoretische Einblicke, sondern auch praktische Erfahrungen im Wettkampf hat.

Ganz neu waren diese freilich für Swiatek von Kindheit an nicht. Ihr Vater war Ruderer bei den Olympischen Spielen 1988. Sie selbst war keine große Freundin des Wassers, fing mit sechs Jahren mit dem Tennis an und schlug sich Schlag auf Schlag an die (Junioren-)Spitze heran. 2018 gewann sie den Doppeltitel im Juniorinnenbewerb der French Open, kurze Zeit später - 13 Jahre nach ihrem Idol Agniezska Radwanska - das Juniorinneneinzel in Wimbledon und das Doppel bei den Jugendspielen in Buenos Aires. Ihr Land auch einmal auf größter Bühne zu vertreten, sei ein Kindheitstraum, sagt sie. Tipps und Tricks erhält sie dabei auch von der zurückgetretenen Radwanska, die ihr zu ihrem bisher größten Erfolg auf Twitter gratulierte - wie auch der Rest der Tenniswelt begeistert ist von der jungen Frau aus Warschau.

Egal, wie das Finale ausgehe, meint auch Boris Becker - "von ihr werden wir noch sehr viel hören." Den Sprung von den Randnotizen in die Schlagzeilen hat sie jedenfalls schon jetzt geschafft.