Wer Mauro Vegni am Ruhetag beim Giro d’Italia aufmerksam zuhörte, vernahm ebenso häufig wie deutlich das Wort "besorgt". Er sei "besorgt" über die Gesamtsituation in Italien, sagte der Renndirektor der Traditionsrundfahrt schon am Montag, "besorgt" über die steigenden Zahlen an bekannten Neuinfektionen, und "besorgt" über die Möglichkeit einer zwangsweisen Verkürzung der 103. Giro-Auflage, die am 3. Oktober auf Sizilien begonnen und am 25. Oktober in Mailand ihr programmgemäßes Ende hat. Ob es aber tatsächlich dazu kommt, ist völlig offen.

Erst in der Nacht auf Dienstag hat die italienische Regierung eine Verschärfung der Maßnahmen beschlossen, die zwar einen neuerlichen Lockdown des mit mehr als 36.000 Toten besonders von der Pandemie betroffenen Landes verhindern sollen, aber doch weite Teile des gesellschaftlichen Lebens betreffen: Die Sperrstunde für Lokale wurde auf 24 Uhr herabgesetzt, private Feiern im öffentlichen Raum dürfen nur noch mit der Maximalzahl von 30 Personen stattfinden, für die eigenen Räumlichkeiten gilt die Empfehlung, nicht mehr als sechs Personen zu empfangen - und das bei haushaltsfremden mit Mund-und-Nasen-Schutz. Im öffentlichen Raum herrscht bereits seit vergangener Woche auch im Freien Maskenpflicht.

Österreicher nicht betroffen

Auf die Abhaltung von Sportveranstaltungen haben die Maßnahmen vorerst keinen großen Einfluss - diese dürfen in Stadien mit bis zu 1000 Menschen ausgetragen werden. Die Frage ist allerdings, ob sie es auch weiterhin können. In der italienischen Serie A wurden zuletzt wie schon bei Ausbruch der Pandemie und vor dem kompletten Stillstand mehrere Partien verschoben, weil es auch unter den Fußballern immer mehr bekannte positive Fälle gibt.

Und beim Giro d’Italia wurden Vegnis Sorgenfalten auch am Dienstag vor dem Start der zehnten Etappe von Lanciano nach Tortoreto über 177 Kilometer, auf der der Slowake Peter Sagan in beeindruckender Manier gewann, tiefer. Sowohl dasaustralische Team Mitchelton als auch der niederländische Rennstall Jumbo rund um den Stockerlanwärter Steven Kruijswijk gaben bekannt, sich wegen positiver Sars-CoV-2-Tests mehrerer Teammitglieder aus dem Rennen verabschieden zu müssen. Schon am Samstag hatte der Brite Simon Yates, ein weiterer Topfahrer, wegen einer nachgewiesenen Infektion aussteigen müssen. Auch in anderen Teams gibt es positive Testergebnisse. Die Österreicher Patrick Konrad, Hermann Pernsteiner und Matthias Brändle, die das zehnte Teilstück von den Gesamträngen acht, 13 und 151 aus in Angriff nahmen, sind von den jüngsten Fällen jedenfalls nicht betroffen.

Vorzeitiger Stopp möglich

Doch klar ist, dass es trotz aller Maßnahmen keine Sicherheit gibt - nicht für die Fahrer, nicht für die Fans, die sich vor allem bei den Zieleinläufen nicht immer an Abstandsregeln und Co. halten, und nicht für die Veranstalter.

Da Personenbeschränkungen auf den Straßen kaum umsetzbar sind, Italien aber zuletzt mehr als 5.000 nachgewiesene Neuinfektionen pro Tag verzeichnete - am Montag sank die Zahl vorerst leicht, Grund zur Beruhigung ist dies aber keineswegs -, scheint es nicht ausgeschlossen, dass die Rundfahrt vorzeitig gestoppt werden muss. Vegni hält dieses Risiko zwar vorerst für überschaubar, wie er am Dienstag sagte. Ausgeschlossen ist aber nicht, dass die Behörden auch zu solchen Maßnahmen greifen. "Wenn sie uns verbieten, weiterzufahren, haben wir uns daran zu halten", sagte er. "Ein verkürzter Giro ist etwas, wozu wir gezwungen werden könnten."

Es wäre freilich ein weiterer Rückschlag für den Radsport, der heuer nicht nur von Corona, sondern auch von einer Häufung an schweren Unfällen überschattet war. Immerhin konnte die Tour de France stattfinden und die WM durch die Verschiebung nach Imola gerettet werden. Für den weiteren Kalender aber sieht Vegni Übles heraufdräuen, vor allem für die am 20. Oktober beginnende Vuelta a España. Spanien erlebt derzeit eine zweite Welle, die Hauptstadt Madrid wurde auf Anweisung der Zentralregierung abgeriegelt. "Ich wäre besorgt, wenn ich an der Stelle meines Freundes Javier Guillen (Vuelta-Chef, Anm.) wäre", meinte Vegni. Da war es wieder, das Wort.