Wenn die belarussische Fußball-Nationalmannschaft am Mittwochabend zum Nations-League-Spiel gegen Kasachstan auf den Platz tritt, fehlt ein prominenter Name im Kader. Und er wird noch länger fehlen. Der Grund ist nicht Corona - das nach Ansicht des Machthabers Alexander Lukaschenko ohnehin eine "Psychose" sei -, hat aber unmittelbar mit diesem zu tun. Denn Ilja Schkurin, 21 Jahre alt, Legionär beim russischen Spitzenklub ZSKA Moskau und bis vor kurzem eines der meistversprechenden Talente des Landes, hat schon im August erklärt, nicht mehr für Belarus spielen zu wollen, so lange Lukaschenko an der Macht sei.

Schkurin ist nicht der erste und nicht der letzte prominente Sportler, der sich den Protesten gegen Lukaschenko und für die Demokratiebewegung angeschlossen hat, die die Ex-Sowjetrepublik seit der von der EU nicht anerkannten und mutmaßlich manipulierten Präsidentenwahl am 9. August in Atem halten. Offen wie selten zuvor stellen sich Sportlerinnen und Sportler gegen das Regime - und berichten von Festnahmen, Foltermethoden und anderen Sanktionen. "Bin ich würdig, die Ehre meines Landes zu verteidigen, wenn ich nicht einmal die eigene Ehre verteidige?", fragt der Zusammenschluss "Freie Vereinigung der Sportler von Belarus".

Dass sie Lukaschenko zur Einsicht bewegen, ist freilich kaum denkbar. Die Behörden gingen schon bisher mit Gewalt gegen die Demonstrierenden vor, diese Woche drohte die Polizei sogar mit dem Einsatz von Schusswaffen. Dennoch ist das Engagement aus dem Sport bemerkenswert. Zum einen zahlt es in eine Entwicklung ein, in der Athleten sich weltweit immer mehr zu gesellschaftspolitischen Themen äußern - die Black-Live-Matters-Bewegung ist längst aus den USA in den europäischen Fußball und die lange als elitär geltende Formel 1 mit dem Repräsentanten Lewis Hamilton übergeschwappt, in Brasilien wurde soeben erst die Beachvolleyballerin Carol Solberg zu einer Geldstrafe verurteilt, weil sie sich in einem Interview gegen Präsident Jair Bolsonaro ausgesprochen hat. Zum anderen aber ist der Sport gerade in Weißrussland besonders eng mit der Politik verknüpft. Viele Klubs im Fußball und Eishockey sind in teilstaatlicher Hand oder werden von reichen Unternehmern mit besten Verbindungen zu Lukaschenko gelenkt.

Er selbst ist seit 1997 auch Präsident des nationalen olympischen Komitees und beherbergte im vergangenen Jahr die Europaspiele, bei denen er von des höchstrangigen Sportfunktionären noch gewürdigt wurde. Als Höhepunkt eines sportlichen Veranstaltungsreigens soll im kommenden Jahr die WM in Lukaschenkos Lieblingssport, dem Eishockey, teilweise in der Hauptstadt Minsk ausgetragen werden.

Wie schwer sich die Sportwelt mit Vorgängen wie jenen in Belarus tut, wird freilich auch anhand dieser Beispiele deutlich. Thomas Bach, der Präsident des internationalen olympischen Komitees, räumt zwar ein, besorgt über die Lage zu sein, und betont, dass Sportler laut Olympischer Charta nicht ob ihrer politischen Ansichten diskriminiert werden dürften. Kritik am Machtapparat Lukaschenkos, für viele "der letzte Diktator Europas", kommt Bach aber partout nicht über die Lippen.

Solidarfonds für Sportler

Ähnlich verhält es sich im Eishockey. Einem Antrag Lettlands, wo die übrigen Spiele im kommenden Jahr ausgetragen werden sollen, Minsk als Veranstalter zu streichen, wollte der Weltverband IIHF nicht nachkommen. "Die IIHF ist kein politisches Gebilde und kann ein Turnier nicht aus politischen Gründen verschieben", teilte Präsident Rene Fasel mit, behielt sich aber eine diplomatische Hintertür offen: Man werde die Lage beobachten und sie bei zu großer Gefahr ob der Ausschreitungen neu bewerten.

Das alles ist freilich nicht das, was Sportler wie Schkurin sich wünschen - und schon gar nichts, dass vielen anderen, die ihren Job etwa als Angestellte bei Staatsunternehmen verloren haben, weiterhilft. Daher hat der frühere Handballer Alexander Apeikin, der in die Ukraine geflüchtet ist, von dort aus einen Solidarfonds gegründet, mit dem auch juristischer Beistand finanziert werden soll. "Wir haben jetzt die Chance auf ein neues, ganz anderes Land. Es ist ein wichtiger Moment", sagt er in einem Beitrag für den "Standard". Der Protest der Sportlerinnen und Sportler sei deswegen besonders wichtig, weil sie bekannt und Vorbilder seien. "Es ist ein starkes Zeichen, wenn sie sich mit der Gesellschaft solidarisieren, für Frieden und gegen Gewalt eintreten."

Als Bühne für Lukaschenko will sich der Sport nicht mehr missbrauchen lassen. Schon im März und April, als der Rest des Fußballs weltweit stillstand, wurde in der nationalen Liga weitergespielt. Doch schon damals war Kritik seitens vieler Spieler und Fans aufgekommen. Nach der Wahl am 9. August hat sich das Land noch einmal verändert - und der Sport sich mit ihm.