Erstmals seit Thomas Muster 1995 wird beim ATP-Turnier ab Montag in der Wiener Stadthalle wieder ein heimischer Grand-Slam-Sieger aufschlagen. Im Vorjahr hat US-Open-Triumphator Dominic Thiem hier den seiner Ansicht nach "wertvollsten Titel" (nach New York) gewonnen. Tatsächlich markierte der Sieg bei den Erste-Bank-Open einen Meilenstein in der Karriere des Stars. Allerdings sind die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Titelverteidigung heuer aus gleich mehreren Gründen nicht die besten: Vor allem die enorm starke Besetzung mit sieben Top-Ten-Spielern, allen voran Novak Djokovic (Serbien), macht es für Thiem sehr schwer.

"Sieben Top-Ten-Spieler, Cut-off unter 30, von dem her ist quasi jede Runde ein Finale", sagte Thiem am Donnerstag über die Herausforderung der kommenden Woche. "Ich kann in der ersten Runde gegen Top-15-Spieler spielen, und wenn man weit kommen will gegen weitere Top-15-Spieler. Das ist von der Wertigkeit her wie ein Masters." Das wegen der Coronavirus-Pandemie schon vorzeitig abgesagte Konkurrenz-Turnier in Basel, wie Wien ein ATP-500-Turnier, zieht diesmal keine Top-Ten-Spieler in die Schweiz.

Der große Haken ist allerdings, dass Thiem im Gegensatz zum Vorjahr keine ausverkaufte Halle hinter sich haben wird. "Letztes Jahr war es der blanke Wahnsinn. Ich glaube, dass jedes Match ausverkauft war. Ich kann mich vor allem an das Semifinale und Finale erinnern. Vor einer besseren Stimmung habe ich davor und danach nie mehr gespielt", erinnert sich Thiem. Seine Fans hätten den Niederösterreicher, der erstmals als Grand-Slam-Sieger in Österreich spielt, wohl gerne gefeiert, doch die Pandemie schafft eine absurde Situation: Wien wird das am besten besetzte Turnier seit dem Start des Events 1974 haben, allerdings dies vor so wenigen Zuschauern wie nie zuvor. Mit Djokovic kommt zum ersten Mal seit 13 Jahren eine Nummer eins nach Wien: 2006 schied er im Achtelfinale out, 2007 war er Turniersieger. Das Traumfinale wäre dann auch eine Wiederholung des Endspiels der diesjährigen Australian Open. Djokovic hatte damals Dominic Thiem nach 1:2-Satzrückstand noch in fünf Sätzen niedergerungen. Dass eine Titelverteidigung wegen des starken Felds und nach den Strapazen der zwei Grand-Slam-Turniere nacheinander für Thiem sehr schwer wird, ist ihm klar. Seinen "wertvollsten Titel nach den US Open" verteidigen zu können, erwartet er nicht. "Ich hoffe, dass ich es irgendwann wiederholen kann."

Fans bringen Essen mit

Thiem hoffte bis zu seinem ersten Auftritt am Dienstag noch auf gute Trainingstage, seit Freitag ist der 27-jährige Niederösterreicher in der Sicherheitsblase - der Bubble. Das bedeutet, Aufenthalt nur im Hotel, in der Anlage und geschützten Bereichen sowie kein "Heimschlafen". Neu ist, dass die Zuschauer diesmal sogar selbst Essen mitnehmen dürfen, wenn sie das wollen - allerdings dürfen Trinkflaschen und Dosen aus Sicherheitsgründen nicht in die Halle, müssten also beim Eingang umgefüllt werden. Parallel wird es aber, anders als ursprünglich verordnet, nun doch ein gastronomisches Angebot geben. Mit den Corona-bedingten Auflagen hat Turnierorganisator Herwig Straka dennoch nur wenig Freude.

Besonders wurmt ihn, dass die Zuschauerzahl trotz der umfangreichen Fläche der Stadthalle von 1.500 auf 1.000 pro Session herabgesetzt wurde. "Außer einer Regelung habe ich sonst nie etwas hinterfragt und habe es akzeptiert. Die Nichtverhältnismäßigkeit zur Hallengröße, das ist für mich nach wie vor nicht nachvollziehbar, das ist eine Provokation. Bei kleineren Hallen macht es natürlich einen Unterschied, ob 1.500 oder 1.000 drinnen sind, aber in der Stadthalle nicht."

Immerhin wurden die Preise nicht erhöht. Neu ist lediglich, dass man für die sonst freie Qualifikation am Samstag und Sonntag (nur für diese gibt es noch Restkarten) bezahlen muss. Wer für den Hauptbewerb keine Eintrittskarten mehr bekommen hat, der hat die Möglichkeit, Thiem, Djokovic und Co. via TV beim Smashen zuzusehen. Der ORF und Servus TV übertragen das Stadthallenturnier live.(apa/rel)