Seinen ersten Turnier-Eintrag auf der ATP-Homepage hat Jürgen Melzer im Februar 1998 mit einem Österreich-Future erhalten. Bald schon wird der letzte Eintrag in der langen Karriere des mittlerweile 39-Jährigen erfolgen. Geht es nach Plan, werden es die Australian Open im kommenden Jänner sein, sollte sich für ihn nicht noch im Halbjahr danach das eine oder andere Genussprojekt ergeben. Während sich beim Stadthallen-Turnier in Wien ein junger Österreicher namens Jurij Rodionov ins Rampenlicht spielt - er bekommt es am Mittwoch nach seinem Erstrundenerfolg gegen Denis Shapovalov im Achtelfinale mit dem Sieger der Partie Aljaz Bedene gegen Daniel Evans zu tun - und ganz Österreich auf weitere Glanztaten des Weltranglistendritten Dominic Thiem hofft (heute, 17.30 Uhr gegen Witali Satscho), rückt der Abschied der Profikarriere eines anderen ehemaligen heimischen Top-Ten-Spielers in greifbare Nähe. Melzer wird seine Karriere in den kommenden Monaten ausklingen lassen und die Funktion des sportlichen Leiters im heimischen Tennisverband antreten.

Sein letztes großes sportliches Ziel ist das Erreichen des ATP-Tour-Finales im November in London. "Das große Ziel heuer ist natürlich London. Wir (er und sein Doppelpartner Edouard Roger-Vasselin/F) haben uns durch den Sieg in St. Petersburg da in eine Position gebracht, wo wir wieder mitten dabei sind", sagt Melzer nach dem Mitte Oktober in Russland eingefahrenen ATP-500-Turniersieg.

Teamarbeit gefragt

Das Duo hat sich damit auf Platz sieben in der Jahreswertung vorgearbeitet, acht Tickets sind zu vergeben. Vier davon sind fix weg, zwei weitere Paare nach Melzers Einschätzung eher außer Reichweite. "Jetzt geht es noch um die letzten zwei Spots. Mir würde es extrem taugen, wenn ich zum Abschluss meiner Karriere noch einmal nach London fahren könnte, auch wenn es ohne Zuschauer wahrscheinlich stattfindet. Aber trotzdem wäre das schon ein sehr, sehr schöner Abschluss."

In der ersten Doppelrunde von Wien stellt sich Melzer/Roger-Vasselin ausgerechnet ein Österreicher in den Weg, denn das Los brachte als Gegner den Steirer Oliver Marach und den Briten Daniel Evans. Rot-weiß-rote Schützenhilfe hätte es dafür fast am Montag gegeben, als Dennis Novak und Dominic Thiem nur knapp Jamie Murray/Neal Skupsky unterlagen. Die Briten liegen im Streben um den für 15. bis 22. November angesetzten Saisonabschluss unmittelbar hinter Melzer/Roger-Vasselin. Dass es Melzer nicht schon mit Saisonende sein lässt, sondern zum Abschluss seiner Laufbahn auch noch Australien mitnimmt, hat für ihn zwei Gründe: einerseits, dass es in Down Under im Gegensatz zu London voraussichtlich Zuschauer geben wird. "Ich möchte nicht mein letztes Spiel vor leeren Rängen bestreiten. Auf der anderen Seite würde ich gerne noch einmal ATP-Cup (um Neujahr, Anm.) spielen. Jeder weiß, wie viel Spaß mir Teambewerbe machen." Um die Chance auf einen weiteren Daviscup-Einsatz ist er durch die Coronavirus-Pandemie umgefallen, das heurige Finalturnier wurde auf Ende November 2021 verschoben. Melzer ist mit 38 Länderkämpfen beziehungsweise 78 Matches ÖTV-Rekordspieler, war immer für den Daviscup bereit. Als Teamplayer wird er künftig auch bald ein Mit- und Nebeneinander mit dem Austrian Tennis Committee (ATC) finden müssen. Dass es aber soweit geht, dass die ATC-Spieler wie Dominic Thiem, Dennis Novak und Jurij Rodionov für das Finalturnier absagen, schließt Melzer aus. "Soweit ich die Burschen kenne, die sind alle richtig heiß auf Madrid. Ich mache mir im Moment weniger Sorgen, dass da ein Machtspielchen entsteht. Denn ich sehe den Grund nicht dafür, dass man einen Spieler für den Daviscup nicht abstellt. Ich glaube die Spieler so gut zu kennen, dass sie 2021 für Österreich in Madrid aufschlagen werden." Auf Instagram bedankte sich Melzer bereits emotional bei seinen Wegbegleitern, seiner Familie und den Fans. "Ich habe mit neun Jahren zu spielen begonnen und nie zu träumen gewagt, mich einmal ehemaliger Top-Ten-Spieler im Einzel und Doppel nennen zu können. Tennis wird immer einen Platz in meinem Herzen haben", steht unter anderem zu lesen. Eine der Reaktionen kam von Thiem: "Viel Erfolg für die neue Aufgabe - die Zukunft des österreichischen Tennis ist bei dir in den besten Händen."(apa/red)