Es ist ein Vorgeschmack auf den nächsten Renntag am Sonntag: Mitte Oktober, ein sonniger Herbsttag mit angenehmen Temperaturen zieht die Menschen in Wien ins Freie. Auch die Trabrennbahn in der Krieau im 2. Bezirk ist an diesem Sonntag gut besucht. Ältere Damen und Herren lassen sich genauso im Zuseherbereich finden wie junge Alternative. Viele, die hierher kommen, zählen zum Stammpublikum und sind an jedem Renntag anwesend. 14 Rennen wurden für den heutigen Tag angesetzt, der sich wie üblich über den ganzen Nachmittag bis in den frühen Abend zieht. Das Highlight, auf das viele warten, ist das 121. Graf Kálmán Hunyady Gedenkrennen. Bei diesem treten die Top-Traber und Pferde des Landes und Europas gegeneinander an. So zum Beispiel der Niederländer Jaap van Rijn mit seinem Pferd Prosperous. Gemeinsam gewannen sie 2020 bereits viele renommierte Rennen in Paris, Berlin oder Hamburg. Eine weitere europäische Spitzenpaarung, in Form von Viking d’Hermes und dem Franzosen Christophe de Groote, ist ebenfalls für das Rennen gemeldet. Das Pferd ist mit seinen elf Jahren eines der ältesten - aber auch erfolgreichsten. Mehr als 500.000 Euro an Renngewinnen konnten im Laufe der Jahre erzielt werden, und heuer war es mit 1:10,8 Minuten das schnellste aller Pferde über die 2.100-Meter-Distanz.

Der namensgebende Graf, der mit vollem Namen Kálmán Hunyady de Kéthely hieß, war maßgeblich für die Gründung des Wiener Trabrenn-Vereins (WTV) 1873 verantwortlich. Die ersten Trabrennen in Wien fanden bereits Anfang der 1860er auf der Prater Hauptallee statt. Hierzu wurde auch eine Trabfahr-Gesellschaft gegründet, die diese Rennen organisierte. Im selben Jahrzehnt kamen ebenfalls die Konkurrenzreiter, die Galopper, auf. Im Gegensatz zu den Trabern hatten diese jedoch bereits seit 1839 mit der Galopperbahn Freudenau in unmittelbarer Nähe zu der Hauptallee eine Heimat gefunden. Die Traber hingegen mussten noch ein wenig warten, bis es so weit war. 1873 fand in Wien an den ersten beiden Novembertagen die fünfte Weltausstellung satt. Das zentrale Gebäude der Veranstaltung war die im selben Jahr erbaute und 1934 abgebrannte Rotunde im Prater. Vor dem Ostportal des Gebäudes sollte wenige Jahre später die Trabrennban in der Krieau errichtet werden. Die konstituierende Sitzung des Wiener Trabrenn-Vereins erfolgte im April 1874 im Hotel Tauber auf der Praterstraße. Die nun regelmäßiger stattfindenden Rennen mussten aber vorerst weiterhin auf der Prater Hauptallee ausgetragen werden.

Unterschiedliches Publikum

1878 war es schließlich so weit. Die Trabbrennbahn mit ihren 1.100 Meter Länge konnte eröffnet werden. Das Publikum, das zu den Galoppern in die Freudenau ging, war das vornehmere und noch besser betuchte Klientel als das bei den Trabern. Die aufgeschlosseneren Kreise und Liberalen zog es hingegen vermehrt in die Krieau. Mit dem Einzug auf die Rennbahn blieb die Zeit nicht stehen, und die Folgejahrzehnte brachten so manche Innovationen mit sich, beispielsweise die Einführung des Totalisators 1881 - ein Verfahren zur Bestimmung der Gewinnhöhen, dem Toto ähnlich. Ebenfalls in diese Zeit fielen die Anfänge der heimischen Traberzucht. Die Krieau war auch im 20. Jahrhundert lange eine Erfolgsgeschichte. Selbst der Erste Weltkrieg hinterließ nur vorübergehend Spuren, und mit der Errichtung einer Flutlichtanlage in den frühen 1930er Jahren fanden die ersten Abendveranstaltungen statt. Erst mit den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs lag der Sport für längere Zeit auf dem Boden. Allerdings kamen zum ersten Renntag nach Kriegsende im November 1945 13.000 Zuseher in das Oval. Mit dem Staatsvertrag 1955 blickten Österreich und der Traber-Verein in eine optimistischere Zukunft. Nachdem die Großstadt Wien immer weiter wuchs und das Gelände um die Rennbahn gebraucht wurde, kaufte die Stadt dem WTV das Gestüt Krieau 1963 für 28 Millionen Schilling (12,3 Millionen Euro) ab.

Finanzielle Engpässe

Trabsport von Top-Niveau konnten die Zuseher in den 1970er bewundern. Österreichische Welt- und Europameistertitel wurden gegen internationale Starter eingefahren. Doch ab Mitte der 1990er ging es finanziell bergab. Immer weniger Publikum fand sich an den Renntagen ein. Waren es früher vollgepackte Wochenenden, so verlagerte sich mit den finanziellen Engpässen alles auf den Sonntag. Und selbst da wurde nicht mehr jede Woche die Rennbahn aufgesperrt. Im vergangenen Jahrzehnt unterzog man das Areal schließlich einer großen Renovierung, und die Streckenlänge wurde auf 1.000 Meter verkürzt. Um das benötigte Geld in die Kassen zu bekommen, öffnete man das Gelände schließlich auch für Pop-Konzerte unterschiedlichster Art.

Zurück am Renntag. Mit der abnehmenden Sonne nimmt die Spannung zu. Denn alle wichtigen Läufe finden ab dem späteren Nachmittag statt. Der Höhepunkt in Form des Hunyady-Gedenkrennens geht um kurz vor 19.30 Uhr über die Bühne. Die angenehme Temperatur ist einer Herbstfrische gewichen, und die meisten Besucher halten sich bis kurz vor dem Start im Inneren der Tribüne auf, um sich aufzuwärmen. Doch rechtzeitig, bevor es losgeht, füllt sich der Bereich vor der Start- und Zielgeraden wieder. Mit Prosperous setzt sich nach der Freigabe des Laufes auch gleich der Favorit in Front, gibt diese Position bis zum Ende nur einmal kurz ab und sichert sich so die 10.000 Euro, die für den Gewinn ausgezahlt werden. Hinter ihm schafft es Co-Favorit Viking d’Hermes als Zweites ins Ziel. Im Anschluss an die Siegerparade holen sich die Wettgewinner ein weiteres Mal das gewonnene Geld ab, ehe mit einem letzten Lauf dieser Renntag abgeschlossen wird.

Bereits diesen Sonntag - sofern nicht der Lockdown verhängt wird - kann man allerdings wieder die Wettprogramme und Kugelschreiber auspacken. Ab 12.30 Uhr gibt es die ersten Qualifikations- und Probeläufe. Das am besten besetzte Rennen geht erneut bei Flutlicht über die Bahn. Bei dem Gold Cup 2020 der Trabersportklubs ist mit dem fünfjährigen Wallach Kronprinz Rudolf (Fahrer Josef Gruber Jun.) eines der erfolgreichsten heimischen Pferde der vergangenen Jahre gemeldet. Ähnlich stark war der gleichaltrige deutsche Hengst Iron Beuckenswijk (Fahrer Christian Mayer), der dadurch auch der stärkste Konkurrent sein wird. Für Kurzentschlossene dient der Zugang zum Tribünenvorplatz als Eingang, er ist am besten vom Happel-Stadion aus zu erreichen. Wie bei allen Veranstaltungen gilt: Mund-Nasen-Schutz nicht vergessen.