Der siebente WM-Titel würde ihn "unglaublich stolz" machen, galt die Bestmarke von Michael Schumacher doch vielen als unerreichbar. Für Lewis Hamilton sind Siege auf der Rennstrecke aber längst nicht mehr alles. "Der Fahrertitel hat nicht unbedingt Auswirkungen auf das Leben der Menschen", erklärte Hamilton vor dem Formel-1-Grand-Prix der Türkei, in dem er am Sonntag (11.10 Uhr/live ORF 1, RTL und Sky) mit Schumacher gleichziehen könnte.

Noch stolzer würden ihn die Bestrebungen nach mehr Gleichberechtigung machen. "Der Versuch, die Bedingungen für Menschen auf der ganzen Welt zu verbessern, ist für mich das Wichtigste", betonte Hamilton. In diesem Jahr hat der 35-Jährige besonders stark gegen Rassismus und Unterdrückung sowie für mehr Diversität Stellung bezogen und dabei auch seine Reichweite in den sozialen Medien genutzt. 20,5 Millionen Follower hat Hamilton alleine auf Instagram.

Zwei Bestmarken wurden heuer bereits geknackt

Ablenken ließ sich Hamilton von seinen Aktivitäten abseits der Strecke keineswegs, nebenbei entwirft der Brite auch Kleidung und schreibt eigene Musik. Trotzdem hat er vor dem viertletzten Rennen der durch die Corona-Krise durcheinandergewirbelten Saison 85 Punkte Vorsprung auf seinen Mercedes-Teamkollegen Valtteri Bottas. Sind es auch nach dem WM-Lauf in Akfirat bei Istanbul noch zumindest 78, wäre er zum vierten Mal in Serie Champion.

Die Rekorde für die meisten Pole Positions (97) und Grand-Prix-Siege (93) hält Hamilton bereits. Zahlen und Titel würden für die Öffentlichkeit aber mehr bedeuten als für ihn selbst. "Wenn man drinnen ist, ist es anders", sagte der Dominator der Szene. "Was wichtig ist dieses Jahr ist, dass die Reise mit dem Kampf um Gleichberechtigung verbunden gewesen ist, ein echter Lernprozess stattgefunden hat, was in der Welt passiert, dass man etwas bewusster seine Umgebung wahrnimmt und auch Fortschritte sieht."

Hamilton weiß, wo er herkommt. Er ist in der industriell geprägten Kleinstadt Stevenage nördlich von London aufgewachsen. Sein Vater Anthony Hamilton hatte bis zu vier Jobs gleichzeitig, um das kostspielige Hobby seines Sohnes zu finanzieren. Ausgelacht worden seien sie für ihren Traum, es von der Kartbahn bis in die Formel 1 zu schaffen. Was diese Leute jetzt wohl über ihn denken, fragte Hamilton rhetorisch. "Wir haben mit nichts angefangen", schrieb Hamilton auf Instagram unter ein Foto mit seinem Vater.

Den Weg in die Geschichtsbücher hat er längst geschafft - auch wenn die Leistungen nicht immer so anerkannt werden wie die von Schumacher. "Um ehrlich zu sein: 90 Prozent der Fahrer würden in diesem Auto gewinnen", sagte Red-Bull-Konkurrent Max Verstappen zuletzt. Die Aussage diente nicht dazu, Hamiltons Leistungen zu schmälern, aber den Niederländer nervt die Langeweile in der Formel 1. "Er ist ein großartiger Fahrer, aber dieses Auto ist einfach so dominant", sagte der WM-Dritte.

Sieben Konstrukteurstitel hat Mercedes nacheinander gewonnen, die siebente Fahrer-WM folgt nun. Genug ist Hamilton das noch nicht. "Ich denke, es gibt immer Bereiche, in denen man sich verbessern kann", sagte der Brite am Bosporus. "Ich liebe das Rennfahren. Ich liebe die Herausforderung. Und das wird sich sobald auch nicht ändern."

Auch Frauen-Rennserie ein Anliegen

Sein Vertrag bei Mercedes läuft mit Jahresende aus. Bei einer Verlängerung geht es ihm aber nicht nur um das Cockpit bei Mercedes, sondern auch um seine Rolle in der Gesellschaft. Er wolle dabei helfen, dass Mobilität grüner werde und es künftig mehr Autos mit Elektroantrieb gibt. Auch für die Diversität müsse mehr getan werden. In diesem Zusammenhang begrüßte der Serienweltmeister, dass künftig auch die Frauen-Rennserie "W Series" künftig acht Rennen im Rahmen der Formel-1-Wochenenden bestreitet.

"Wenn Menschen über Diversität sprechen, denken sie oft daran, dass es um die Hautfarbe geht", sagte der einzige dunkelhäutige Formel-1-Pilot. "Aber es ist nicht nur das. Es geht auch darum, mehr Frauen zu involvieren. Im Moment ist es ein männerdominierter Sport und das muss sich ändern." Es gebe also noch viel zu besprechen. Ein Rücktritt spielt für Hamilton laut eigenen Angaben derzeit keine Rolle, auch wenn noch nichts unterschrieben sei. "Ich habe die Idee, mit Mercedes weiterzumachen." (apa/dpa)