Seit Marc Márquez’ Durchbruch in der MotoGP-Klasse war es immer dasselbe, fast zumindest. 2013 und 2014 sicherte sich der Spanier die Krone in der Königsklasse des Motorrad-Sports, nach einer kurzen künstlerischen Pause im Jahr darauf, als Jorge Lorenzo ihm den Titel wegschnappte, schlug einer der zweifelsohne talentiertesten, wenn auch nicht unumstrittensten Fahrer der jüngeren Geschichte eiskalt zurück: Weltmeister 2016 Márquez, Weltmeister 2017 Márquez, Weltmeister 2018 und 2019 - richtig: Marc Márquez. Und auch heuer dachte man vor Beginn der Saison daran, dass der Name Márquez diese bestimmen könnte, stieg doch auch sein jüngerer Bruder Álex in die MotoGP-Klasse auf. Doch dass die Saison dann doch anders werden würde, war schnell klar - nicht nur weil sie aufgrund der Coronavirus-Pandemie verspätet und mit einem auf weniger Rennen und Schauplätze zusammengestutzten Kalender begann, sondern weil sich Márquez gleich einmal einen komplizierten Armbruch zuzog, der ihn seither außer Gefecht setzte.

Von der Couch aus musste der 27-jährige Honda-Star nun mitansehen, wie andere das Machtvakuum nutzten, um ins Rampenlicht zu fahren. Einem, mit dem man vor der Saison nicht unbedingt gerechnet hatte, ist dies bisher besonders gut gelungen: Am Sonntag (14 Uhr/Servus-TV) könnte sich Joan Mir, 23 Jahre alt und Pilot im zuletzt nicht unbedingt erfolgsverwöhnten Suzuka-Team, beim zweiten Rennen in Valencia, dem vorletzten dieses Jahres, erstmals den Titel sichern. In der Gesamtwertung führt der Mann aus Mallorca 37 Punkte vor seinem Teamkollegen Alex Rins und dem Yamaha-Piloten Fabio Quartararo, der zu Beginn der Saison den Ton angegeben, dann aber einen Rückfall erlitten hatte.

"Leute, die ihre Miete aufgrund der Pandemie nicht zahlen können, haben Druck. Ich bin privilegiert"

Joan Mir

Bei Mir war es genau umgekehrt, fast still und heimlich schlich er sich an Freund und Feind vorbei und an die Spitze der WM. Seinen Premierenerfolg in der MotoGP-Klasse hob er sich bis zum vergangenen Wochenende auf, davor war es vor allem die Konstanz, mit der er punkten konnte. Je drei zweite und dritte Plätze standen bisher zu Buche - und bisweilen, wie in Spielberg, verhinderte ganz einfach Rennpech ein besseres Abschneiden.

"Es hat sich von Rennen zu Rennen entwickelt. Nach den Ergebnissen am Anfang der Saison war damit nicht unbedingt zu rechnen. In Österreich fing ich an, mich auf dem Bike wirklich wohlzufühlen, ab da wurde ich stärker und stärker", sagt Mir, der auch im Suzuki-Werk für Freudensprünge sorgt. Er und Rins feierten am Wochenende immerhin den ersten Doppelsieg für das japanische Team seit 1982. Der bisher letzte WM-Titel ist auch schon 20 Jahre her - errungen durch den legendären Kenny Roberts junior.

Dass ausgerechnet ein Mann, der bis vor wenigen Tagen kein Rennen in der höchsten Klasse gewinnen konnte, nun sein legitimer Nachfolger werden könnte, hatte freilich während der Saison auch für Skepsis gesorgt. Kollegen und Ex-Kollegen sehen dies freilich anders. "Als mich die Leute gefragt haben, ob Mir ein gerechter Champion wäre, ohne ein Rennen zu gewinnen, habe ich absolut mit Ja geantwortet. Jetzt werden sie nicht mehr fragen", schrieb Lorenzo nach dem Wochenende auf Twitter.

Für KTM-Pilot Brad Binder sei "von Anfang an klar gewesen, dass er etwas Besonderes war", seit man gemeinsam in der Moto3 unterwegs gewesen sei. Schon in seiner ersten Saison dort gewann Mir Rennen ("Wofür ich Jahre gebraucht habe, hat er in seinem ersten halben Jahr erledigt", so Binder), in seiner zweiten wurde Mir Weltmeister und stieg in die nächsthöhere Klasse auf. Und nach nur einer weiteren Saison schaffte er den Sprung in die MotoGP-WM, die er zunächst als Zwölfter beendete. Doch seither haben Suzuki, Rins und vor allem Mir offenbar alles richtig gemacht - auch wenn man, wie Miguel Oliveira anmerkt, die besonderen Umstände bedenken müsse. "Aber Suzuki leistet gute Arbeit, Joan fährt richtig gut und macht keine Fehler. Er konzentriert sich voll aufs Fahren."

Ein Blick auf die Social-Media-Profile des 23-Jährigen bestätigt dies: kein unnötiger Schnickschnack, keine Werbeclips, keine Fotos von Urlauben auf Yachten oder Katzen - nur Mir, das Team und das Motorrad. Dass er angesichts der WM-Führung, die er bei jeder Platzierung unter den ersten Drei in Valencia keinesfalls mehr abgeben wird, nun etwas an seiner Herangehensweise ändern wird oder sich besonders unter Druck fühlen könnte, braucht die Konkurrenz gar nicht erst zu hoffen. "Wenn ich in diesem Jahr den Titel gewinne, ist es super, wenn nicht, ist es auch gut", sagt er. Leute, die ihre Miete nicht zahlen können, weil wir diese Pandemie haben, haben echten Druck. Ich bin privilegiert" - und das bald womöglich als Weltmeister.