An großen Tönen gibt es keinen Mangel, zumindest in dieser Hinsicht sind die beiden Protagonisten den Usancen ihrer früheren Profession treu geblieben. Dass es große Schläge hageln wird, ist indessen eher zweifelhaft. Was es stattdessen schon jetzt, kurz vor dem Boxkampf zwischen Mike Tyson und Roy Jones in der Nacht auf Sonntag (ab 2.30 Uhr/Sky) hagelt, ist große Kritik.

Denn während die gerade in Corona-Zeiten nach Unterhaltung gierende Öffentlichkeit dem Comeback der beiden über 50-Jährigen entgegenfiebert, dafür auch bereit ist, die 20 Euro zu bezahlen, für die man sich via Sky im Patschenkino erste Reihe fußfrei ins ansonsten leere Staples Center in Los Angeles beamen kann, sieht die Fachwelt dem Duell eher skeptisch entgegen. "Ihr Comeback wird eine schmierige, Geld abgreifende Zirkusvorstellung", hatte ESPN-Experte Nick Parkinson schon im Juli geätzt, als die Ankündigung des Kampfes für einen lauten Gong in der Boxwelt gesorgt hatte.

Roy Jones galt seinerzeit als technisch besserer Boxer. Momentan wirkt er aber nicht ganz durchtrainiert. - © APAweb / USA Today Sports, Lynn Millspaugh
Roy Jones galt seinerzeit als technisch besserer Boxer. Momentan wirkt er aber nicht ganz durchtrainiert. - © APAweb / USA Today Sports, Lynn Millspaugh

Seither wurde er um zwei Monate verschoben, angeblich, weil eine längere Vorlaufzeit das Interesse anstacheln und so für mehr Einnahmen sorgen sollte - was zumindest nicht gegen Parkinsons Einschätzung spricht. Rund zehn Millionen Dollar sollen jeweils an die Boxer ausgeschüttet werden, Tyson hat aber schon öffentlichkeitswirksam angekündigt, einen Großteil zugunsten Obdachloser und Drogensüchtiger spenden zu wollen. "Ich weiß, welche Schwierigkeiten damit verbunden sind."

Vom Gefängnis zum Taubenkobel

Heute gibt sich Tyson geläutert, er ging zwischenzeitlich symbolisch unter die Brieftaubenzüchter und kommentiert im smarten Anzug Kämpfe für das Fernsehen.

Das war freilich nicht immer so. Nachdem er 1986 als jüngster Schwergewichtsweltmeister Geschichte geschrieben hatte, wurde ihm seine ihresgleichen suchende Schlagkraft, für die er zu Beginn noch bewundert wurde, beziehungsweise die Brutalität, die er im, aber auch abseits des Rings an den Tag legte, immer wieder zum Verhängnis. 1997 ging er nicht mehr als Supertalent, sondern als Ohrwasch’lbeißer im Kampf gegen Evander Holyfield in die Annalen ein, Gewaltexzesse und Drogen brachten ihn mehrfach ins Gefängnis. Anfang des Jahres berichtete er medienwirksam von Depressionen ("Ich bin ein Nichts") - um kurz darauf mit der Comeback-Ankündigung nicht minder effektheischend seine Quasi-Auferstehung zu zelebrieren. Warum er zurückkehren wolle? "Ganz einfach, weil ich es kann. Ich will der Welt beweisen, wie groß ich immer noch bin", tönte er - und prophezeite ein schnelles K.o. gegen Jones.

Tatsächlich werden Tyson von Experten größere Chancen gegen seinen mit 51 um drei Jahre jüngeren Konkurrenten eingeräumt - auch wenn Jones, in den Neunzigern Mehrfachweltmeister im Mittel- und Schwergewicht, technisch als der bessere Boxer galt.

Wie ernst die K.o.-Ankündigung aber ist und inwieweit Tyson seine Brachialgewalt anwenden kann, darf indessen hinterfragt werden. Nicht nur dass der Kampf auf acht Runden à zwei Minuten reduziert ist und die Boxer dickere Handschuhe tragen müssen, um schwere Verletzungen zu vermeiden, berichteten Medien zuletzt von einer Vorgabe der California State Athletic Commission, wonach K.o.-Schläge verboten sind und bei offenen Wunden sofort abgebrochen werden soll.

"Es ist mehr wie Promi-Boxen einzuordnen", meinte der ehemalige deutsche Boxer Axel Schulz, was prompt seinen Landsmann Henry Maske als Apologet des Spektakels in die Bresche springen ließ. "Das ist eine professionelle Sache. Natürlich ist auch Show dabei, aber es stehen nicht zwei Boxer im Röckchen im Ring", sagte Maske - und handelte sich damit Sexismus-Kritik ein, auch wenn er ein halbherziges "Das ist nicht despektierlich gemeint" nachschob. Derweil also findet die größere Aufregung außerhalb des Rings statt.