Dass im kleinen, familiären Kreis mit vielen Tränen, Blumen oder auch einer Flasche Wein um ein Tier getrauert wird, ist jetzt keine große Besonderheit. Dass aber ein Nachruf auf ein Pferd ganze Seiten in den Sport- und Feuilletonteilen internationaler Medien sowie das Internet füllt, ist dann doch eher ungewöhnlich. Doch Totilas war eben auch kein gewöhnliches Pferd (wiewohl das wohl jeder Besitzer eines Tieres von seinem sagen würde). Totilas war aber noch etwas anderes.

Er galt einst als meistversprechendes Dressurpferd der Welt, war im Alter von zehn Jahren unter seinem damaligen Reiter, dem Niederländer Edward Gal, mehrfacher Welt- und Europameister sowie Weltrekordhalter und schon alleine durch seine majestätische Erscheinung der Star einer Branche. Danach wanderte er um einen Kaufpreis von zehn Millionen Euro in deutschen Besitz zum Multiunternehmer Paul Schockemöhle und unter den Sattel von Matthias Alexander Rath - ehe ein öffentlich ausgeschlachteter Abstieg begann. Am Dienstag starb Totilas im Alter von 20 Jahren an den Folgen einer Kolik, wie Schockemöhle mitteilte. Auf Instagram postete Rath, auf dessen Hof der pechschwarze Hengst seit seinem verletzungsbedingten Rückzug aus dem Sport im Jahr 2015 lebte, ein Foto mit den Worten: "Wir werden dich unglaublich vermissen und niemals vergessen."

Dabei stand die gemeinsame Geschichte von Pferd und Reiter von Beginn an unter keinem guten Stern, vielleicht auch deswegen, weil sie eben nie nur Pferd und Reiter waren. Totilas wurde weniger im Viereck, als vielmehr abseits davon zu einer Gelddruckmaschine. Selbst bei den höchstdotierten Turnieren ist abzüglich aller Kosten niemals soviel Geld zu verdienen, wie er gekostet hat.

Decktaxe und Merchandising

Zwar erzielen hochdekorierte Sportpferde auf dem internationalen Markt durchaus hohe Preise - jene zehn Millionen, die Schockemöhle, selbst Züchter, Gründer eines der größten Logistik- und Speditionsunternehmens Deutschland und diverser Vermarktungsagenturen, im Konsortium mit Raths Stiefmutter Ann-Kathrin Linsenhoff in die Niederlande überwies, waren aber einsamer Rekord. Davor hatte das teuerste Dressurpferd zwei Millionen Euro gekostet. Im Springreiten sind die Pferde zwar in der Regel teurer als in der Dressur, doch auch in diesem Bereich überbot Totilas seine Artgenossen - bis der Rekord 2013 von Palloubet d’Hallong um eine Million Euro übertroffen wurde.

Hereinkommen sollte das Geld also weniger durch Preise, sondern auch durch Decktaxen - im Winter wurde Totilas mehrmals in der Woche zur Samenspende gebeten (sein erstes Fohlen wurde um 100.000 Euro versteigert), sowie erfolgreiches Merchandising. Im Internet formierten sich Fangruppen, Artikel wie T-Shirts wurden um ähnliche Preise verkauft wie FC-Barcelona-Trikots. Dass Fußballklubs mittlerweile gigantische Werbemaschinerien sind, ist freilich bekannt. Im Pferdesport stieß Schockemöhle mit Totilas aber trotz des Geldes, das auch hier im Spiel ist, in ungeahnte Dimensionen vor - eine Tatsache, die nicht überall gut ankam. Totilas, der "Wunderbare", sollte "Wunder-Samen" geben, der stattliche Hengst zur Melkkuh werden, lautete ein Teil der Kritik - ein anderer bezog sich auf die Trainingsmethoden, mit denen, so die Befürchtung vieler, schneller Erfolg dem Tierwohl übergeordnet werden sollte. In einer Hinsicht erfüllte sich dies freilich nicht: Denn der wirkliche Erfolg, den sich Besitzer, Trainer und Reiter erhofft hatten, blieb aus. Nach zahlreichen Verletzungen endete 2015 die Karriere offiziell, und Totilas verschwand vorerst aus den Schlagzeilen - bis zu seiner Todesnachricht.