Es waren vor allem drei Momente, die das Finale der Darts-WM 2021 zu einem besonderen machten: Beinahe hätte der neue Weltmeister Gerwyn Price im Endspiel am Sonntagabend seinem ersten Titelgewinn die Krone aufgesetzt, doch nur um Millimeter verpasste er den Neun-Darter - also ein perfektes Spiel - zum zwischenzeitlichen 5:1 (ein solches Kunststück gibt es in einem Finale höchst selten, zuletzt vor zehn Jahren); und dann wird wohl in Erinnerung bleiben, wie sehr der 35-jährige Waliser sich und seine Fans auf die Folter spannte und die schier unvorstellbare Zahl von elf Matchdarts zum großen Coup verpasste; doch als es schon so schien, als würde das plötzliche Zitterhändchen in einem zuvor einseitigen Finale noch einmal alles zum Kippen bringen und also der schottische Zweifach-Champion Gary Anderson wieder herankommen, da gönnte sich Price eine kurze Auszeit, verneigte sich fast verzweifelnd vor der Sid-Waddell-Trophy, um nach diesem erfolgreich erbetenen Beistand endlich den entscheidenden Wurf in der Doppel-Fünf zu versenken.

Mit dem alles in allem verdienten 7:3-Finaltriumph im (leeren) Londoner Alexandra Palace erklomm der Waliser gleich in doppelter Hinsicht die Spitze des Darts-Sports: Mit seinem Premierentitel verdrängte "The Iceman" auch den Niederländer Michael van Gerwen in der Weltrangliste der Professional Darts Corporation (PDC) - und das nach siebenjähriger Vorherrschaft des dreifachen Champions. "Mighty Mike" musste diesmal bereits im Viertelfinale die Segel streichen, er wurde von Dave Chisnall mit einer 0:5-Packung nach Hause geschickt.

"Es gibt keinen größeren Tag als diesen. Ein großes Dankeschön geht an meine Familie. Wenn ich heimkomme, werde ich definitiv mit ihnen feiern", meinte Price, nachdem er die 25Kilogramm schwere Trophäe gestemmt hatte. Auch das Preisgeld von 500.000 Pfund (rund 556.000 Euro) ließ den ehemaligen Rugby-Profi strahlen. "Ich hoffe, dass sich die 500.000 Pfund genauso schwer (wie die Trophäe, Anmerkung) anfühlen. Das bedeutet mir die Welt. Es wird ein paar Tage dauern, bis ich das begriffen habe", erklärte Price.

Zudem bekundete er, es gar nicht erwarten zu können, wenn ihn der legendäre Ansager John McDonald zum ersten Mal als amtierenden Weltmeister und Weltranglistenersten auf die Bühne hole, meinte "The Iceman", der das dichte Programm im Corona-Jahr 2020 am erfolgreichen von allen meisterte und gleich drei Titel holte (World Grand Prix, World Cup of Darts, World Series of Darts). "Ich war extrem nervös heute. So einen Druck habe ich noch nie erlebt", gestand Price, der erstmals ins WM-Finale eingezogen war und dort mit dem Fünffach-Finalisten Anderson (Titelträger 2015 und 2016) einen besonders erfahrenen Profi zu knacken hatte. Doch der Schotte, der sich in dieser Saison mit Corona und Verletzungen herumplagte, legte eine veritable Doppel-Schwäche an den Tag, die ihm an diesem Tag keine Siegchance ermöglichte.

Muskelprotz vs. Schwabbelbauch

Das Finale 2021 könnte jedenfalls einen Wendepunkt in der von Jahr zu Jahr wachsenden und immer weiter aufstrebenden Sportart darstellen - und damit auch hinsichtlich ihrer Protagonisten. Denn während die Größen des Darts wie Phil Taylor oder Raymond van Barneveld, die dafür gesorgt haben, dass Darts den Weg vom verruchten Kneipen- zum telegenen Millionensport gegangen ist, längst im Ruhestand weilen, drängt nun eine junge Generation an Athleten nach oben, an deren Spitze sich nun Price gesetzt hat. Auch, wenn sich die Fachwelt nicht einig ist, ob es derartige Muskelpackungen wie bei Price braucht, um die Pfeile möglichst oft in die Triple-20 zu hämmern - ein sportliches Leben, gesunde Ernährung und hervorragende Ausdauerwerte sind bei längeren Turnieren oder epischen Finale gewiss kein Nachteil. Price, der bis 2014 in einer semi-professionellen Rugby-Liga gespielt hat, investiert jedenfalls viel Zeit in seinen Körper - und nicht nur in das Darts-Spiel. Das machte ihn zwar nicht unbedingt zu einem Sympathieträger (anfangs wurde er von den Fans oft ausgebuht), dennoch wurde sein Spiel immer erfolgreicher.

Ob da die alte Garde mit ihren Schwabbelbäuchen und den oft behäbig wirkenden Auftritten à la longue mitkommt? Oder schlägt auftrainierter Darts-Athlet Goldhändchen mit Bierbauch? Darunter könnte freilich auch die Attraktivität des Sports generell leiden - denn wenn Darts der breiten Konkurrenz etwas voraushat, dann sind es genau diese unverwechselbaren Charaktere und Anti-Sportler, die man so gar nirgends mehr findet. Was wohl Legende Phil Taylor von einer solchen Transformation hielte? Der Rekordchampion gratulierte zumindest als einer der Ersten via Twitter: "Willkommen im Club, du hast brillant gespielt", schrieb "The Power".