Wir leben in zwei Amerikas, und gestern war ein Paradebeispiel dafür. Wenn ihr das nicht versteht oder seht, dann müsst ihr einen Schritt zurücktreten. Es gibt kein Wenn und Aber: Wir wissen alle, was passiert wäre, wenn einer wie ich nahe ans Kapitol gelangt wäre." Basketball-Superstar LeBron James sprach am Tag nach dem Sturm des Kapitols in Washington durch Donald-Trump-Anhänger aus, was sich viele US-amerikanische Sportler denken - und hier bei Weitem nicht nur die schwarzen. Stunden nach dem Ereignis waren Spieler der NBA-Vereine Miami Heat und Boston Celtics im Rahmen eines Spieles auf die Knie gegangen, um mit dieser mittlerweile bekannten Geste ihren Protest gegen die undemokratischen Umtriebe auszudrücken. Und es ist davon auszugehen, dass noch etliche ähnliche Gesten folgen werden, allen voran in der mittlerweile wohl politischsten Sportart der USA - dem American Football, dessen Liga am Wochenende in die Play-offs startet.

Hier hatte das Knien als Symbol für Widerstand 2016 seinen Ausgang genommen, als Star-Quarterback Colin Kaepernick von den San Francisco 49ers erstmals als Protest gegen Polizeigewalt während des Abspiels der Nationalhymne sein Bein beugte - und wenig später seinen Job verlor. Nun ist das Knien vor der Fahne das eine, die gewaltsame Stürmung des Parlaments aber etwas ganz anderes. In der NFL sehen das spätestens jetzt viele Spieler so. "Es wurde gehetzt, und die Leute können nicht überrascht sein von dem, was passiert, weil es irgendwie für eine lange Zeit provoziert wurde", sagte etwa Seattle Seahawks Offensive Lineman Duane Brown. "Eine absolute Schande", twitterte auch Andre Smith von den Buffalo Bills. Dabei werden gerade beim Play-off-Auftaktspiel am Samstagabend zwischen den Buffalo Bills und den Indianapolis Colts alle Blicke der Nation auf den schwarzen Linebacker und dessen Teamkollegen gerichtet sein. Ebenso wird von Interesse sein, wie das in Washington D.C. ansässige, jetzt namenlose NFL-Team der Redskins in ihrem Sonntagnacht startenden Heimspiel (2.15 Uhr MEZ) auf die Vorfälle reagiert.

Vor allem aber wird den Fans vor den TV-Schirmen sportlich etwas geboten, schließlich heißt der Gegner in Washington Tampa Bay Buccaneers. Dabei wird deren Spielmacher einen Rekord mit Sicherheit brechen, falls er auf dem Rasen steht: Tom Brady wird am Samstag 43 Jahre und 159 Tage alt sein - und damit der älteste Quarterback, der je in den Play-offs gespielt hat. "Ich denke, dass nichts gegeben ist, man muss sich alles verdienen", sagte Brady bei einem Medientermin. "Wenn man an diesem Punkt der Saison ankommen will, muss man es verdienen." Tampa Bay bestreitet sein erstes Play-off-Match seit 2008. Zu den politischen Ereignissen äußerte sich der Superstar vorerst nicht.

Bills wollen es nun wissen

Andre Smith und die Buffalo Bills wiederum waren bereits 2018 und 2020 in der heißen Saisonphase dabei, flogen aber zum Auftakt raus. Das Team, das von 1991 bis 1994 vier Super-Bowl-Niederlagen en suite einstecken musste, war in den USA lange Zeit ein Synonym für Versager im entscheidenden Moment, erspielte sich dadurch aber viele Sympathien. Heuer scheint ein langer Play-off-Lauf möglich, die Bills gewannen im Grunddurchgang immerhin 13 ihrer 16 Partien. Besser war hier lediglich Titelverteidiger Kansas City Chiefs mit insgesamt 14 Siegen. Quarterback Josh Allen beeindruckte in der zweitbesten Offense der Liga mit Zuspielen für 4.544 Yards Raumgewinn und 37 Touchdown-Pässen, selber lief der 24-Jährige achtmal in die Endzone. "Als Quarterback ist es dein Job, den Ball zu bewegen und Punkte zu erzielen. Meine größte Angst ist, wenn wir keine Punkte erzielten", sagte Allen. Gegen die Colts bekommen es die Bills mit einem Altmeister zu tun: Philip Rivers jagt mit 39 Jahren seinen ersten Titel.

Ein Comeback geben übrigens die Cleveland Browns, die zuletzt 2003 in den Play-offs waren und damals in der ersten Runde den Pittsburgh Steelers unterlagen. In der Nacht auf Montag gastieren Quarterback Baker Mayfield und Co. 18 Jahre später wieder beim alten Rivalen. Im Einsatz sind in der Wild-Card-Runde auch die Seattle Seahawks gegen die Los Angeles Rams und die Tennessee Titans gegen die Baltimore Ravens. Zu favorisieren sind zudem die New Orleans Saints gegen die Chicago Bears. Die Play-offs (alle Puls 4) versprechen also Spannung, nicht nur mit Blick auf die Politik.