Die Nacht war kurz, und das merkt man Patrick Fölser auch an. "Um 23.30 Uhr haben wir die offizielle Bestätigung bekommen, dass die USA nicht antreten können und die Schweiz nachrückt", erzählt der Sportdirektor des österreichischen Handballbundes über die Ereignisse in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch in Ägypten. "Wir haben sofort Material zusammengesucht und analysiert", sagt Fölser.

Der 44-Jährige hat in und nach seiner Karriere viel erlebt - er war, unter anderem, als Spieler maßgeblich am Erfolg der heimischen Nationalmannschaft bei der EM 2010 und als Sportdirektor an jenem bei der EM 2020 beteiligt -, aber so etwas ist selbst für den 218-fachen Internationalen Neuland - und das gäbe es wohl auch in kaum einer anderen Sportart: dass man nämlich keine 48 Stunden vor dem Auftaktmatch bei einem Großereignis einen neuen Gegner zugeschanzt bekommt, wie es nun eben den österreichischen Handballern bei der WM in Ägypten widerfahren ist. Noch dazu einen, der zwar als Nachrücker, quasi als Lucky Loser, kommt, aber dennoch "ein deutlich schwerer Gegner, ein ganz anderes Kaliber", ist, wie Fölser sagt.

"Da bereitest du dich auf die USA vor, und dann kriegst du die Schweiz vor die Brust. Aber wir nehmen es, wie es ist."

Sportdirektor Patrick Fölser

Denn anstelle einem vermeintlich sicheren Pflichtsieg gegen einen Kontrahenten, dessen Spieler hauptsächlich in unterklassigen Ligen engagiert sind, am Donnerstag (18Uhr/ORF1) entgegensehen zu können, mit dem man den Aufstieg in die Hauptrunde so gut wie fix in der Tasche hätte, muss sich Österreichs zuletzt gebeuteltes Team nun nicht nur auf die Duelle mit Vizeweltmeister Norwegen und Mehrfach-Titelträger Frankreich vorbereiten, sondern auch auf eines mit der Schweiz. Und die hat - Jokerrolle hin, Anreiseturbulenzen her - eine eingespielte Mannschaft, die in Rückraum-Routinier Andy Schmid über einen echten Topspieler sowie weitere Akteure in der deutschen Bundesliga verfügt.

Kritik an den Umständen respektive der Durchführung der WM, die mit erstmals 32 Mannschaften und angesichts der Corona-Krise ohnehin unter erschwerten Bedingungen stattfindet, will im ÖHB dennoch keine aufkommen, zumindest nicht offiziell. "Natürlich ist es etwas anderes, wenn du dich nach den Spielen gegen Deutschland (zwei teils herbe Niederlagen, Anm.) wieder aufrichten willst, im Training voll auf die USA fokussierst und dann plötzlich die Schweiz vor die Brust kriegst", sagt Fölser. "Aber die Situation ist so, wie sie ist, und wir wollen und werden sie annehmen."

"Es passt zu diesem komischen, verrückten Jahr. Mich überrascht nix mehr."

Flügelspieler Sebastian Frimmel

Dem pflichtet nicht nur Teamchef Ales Pajovic bei ("Am Ziel, das erste Spiel zu gewinnen, hat sich nichts geändert"), sondern auch Flügel Sebastian Frimmel in Vertretung seiner Mannschaftskollegen. Der Legionär beim Schweizer Klub Schaffhausen kennt nicht nur Schmid und die anderen Deutschland-Legionäre, sondern auch viele andere Spieler des Gegners aus der Liga. "Man darf nicht glauben, dass nur Andy Schmid Handball spielen kann", sagt er. "Natürlich ist es komisch, wenn du kurz vor dem Schlafengehen erfährst, dass alles anders ist. Aber ein bisschen mussten wir damit rechnen, und es passt zum letzten komischen, verrückten Jahr. Da überrascht mich eigentlich gar nix mehr."

Auch er sieht die Austragung der WM, für die manche Spieler wegen gesundheitlicher Bedenken schon im Vorfeld abgesagt haben, grundsätzlich positiv. "Es ist immer schön, Länderspiele zu haben, noch dazu bei einer WM. Ich glaube, dass es trotzdem ein geiles Turnier mit geilen Spielen wird. Einige von uns haben diese Erfahrung ja noch nie gemacht."

Vor allem durch die Verletzungen von Janko Bozovic und Nikola Bilyk fehlt dem ÖHB-Team einiges an Routine, das ist nicht von der Hand zu weisen. Ein achter Platz wie bei der Heim-EM vor einem Jahr scheint damit außer Reichweite. Damals hatten die Handballer in Wien das historisch beste Ergebnis abgeliefert und für eine rot-weiß-rote Euphoriewelle gesorgt.

Insgesamt ist Rot-Weiß-Rot nun aber schon zum siebenten Mal bei Welttitelkämpfen, zum elften Mal bei einem Großereignis vertreten. Dass die Dinge nun aber anders laufen, auch im organisatorischen Bereich, müsse man zur Kenntnis nehmen. Fölser gibt sich diplomatisch: "Einiges muss sicher noch nachjustiert werden, aber es ist jetzt nichts Katastrophales."

Immerhin geht es den Schweizern, nach einer längeren Durststrecke 2020 16. bei der EM, nicht viel besser. Nach einem Trainingslager, in dem man sich auf den Fall der Fälle vorbereitet hatte, waren die Spieler bereits für einen Tag wieder nach Hause zurückgekehrt, ehe sie der Ruf des Weltverbandes ereilte. Negative Testergebnisse sind die Voraussetzung zum Flug nach Ägypten, dort werden noch einmal Überprüfungen vorgenommen. Auch für die Eidgenossen sind es also vermutlich kurze Nächte in diesen Zeiten. Doch einen verschlafenen Start kann sich keine der Mannschaften erlauben.