Auf einmal herrschte große Leere. Und damit ist nicht unbedingt nur der Gefühlszustand der österreichischen Handball-Nationalmannschaft gemeint, die das erwartet schwere Spiel gegen eine dennoch nicht unschlagbare Schweizer Equipe zum Auftakt der WM in Ägypten am Donnerstagabend mit 25:28 verlor und damit schon vor dem zweiten Gruppenmatch gegen Frankreich am Samstag (18 Uhr/ORF 1) nur einen Steinwurf von den Pyramiden von Gizeh wohl alle Hoffnungen auf den Aufstieg in die Hauptrunde begraben muss. Denn es war vor fast exakt einem Jahr, als die Franzosen ein ähnliches Schicksal ereilt hat.

Während das ÖHB-Team bei der Heim-EM den historischen achten Platz bejubelte, herrschte damals bei der vormals Grande Nation des Handballsports la Grande Tristesste: Zum Auftakt hatte es eine unerwartete Niederlage gegen Außenseiter Portugal gegeben, eine weitere gegen Norwegen hatte das Aus des Rekordweltmeisters, dreifachen Europameisters und zweifachen Olympiasiegers bedeutet. Eine Ära schien zu Ende, die Medien schrieben die goldene Generation, deren Überalterung unübersehbar war, bereits ab. "Das Haus Frankreich ist nur noch eine Ruine", befand die Zeitung "Le Parisien".

Unfreiwillig in die Post-Karabatic-Ära

Doch es ist für die Österreicher bestenfalls ein brüchiger Strohhalm. Denn dass die Equipe Tricolore die Scherben zusammengekehrt hat und sich ihrer Renaissance erfreuen will, war trotz der jüngsten Enttäuschungen in der EM-Qualifikation, einem Remis und einer Niederlage gegen Serbien, bei deren 28:24-Auftaktsieg gegen den EM-Dritten Norwegen unübersehbar – auch, wenn die Post-Nikola-Karabatic-Ära eher unfreiwillig eingeläutet wurde. Der dreifache Welthandballer laboriert an einem Kreuzbandriss und fehlt bei der WM, doch für den 36-Jährigen springen nun andere in die Bresche. Der 29-jährige Kentin Mahe etwa schoss gegen Norwegen neun Tore.

Österreichs Teamchef Ales Pajovic hat sich schon vor der WM keinen Illusionen hingegeben. "Frankreich gehört immer zu den Medaillenkandidaten – egal, was letzten Jänner passiert ist", hat er gemeint. Nun sagt er: "Sie haben vielleicht gegen Serbien nicht ihre besten Spiele gezeigt, aber sie sind auf allen Positionen extrem stark besetzt."

Während die Franzosen über ein schier unendliches Reservoir an Weltklassespielern verfügen, mit dem der nach dem EM-Aus installierte Teamchef Guillaume Gille Ausfälle wie jenen von Karabatic kompensieren kann, war bei den Österreichern das Fehlen von Kapitän Nikola Bilyk und Janko Bozovic zum Auftakt wie erwartet unübersehbar.

Zwar hat sich die Mannschaft in den vergangenen Jahren gefestigt – es ist die erste Generation, die vier Großereignisse hintereinander erreicht hat –, zwar drängen andere wie der 20-jährige Lukas Hutecek nach, auf dieser Ebene reicht es aber halt – noch – nicht für Großtaten. "Wir haben gewusst, dass uns Spieler fehlen, die uns durch die EM getragen haben. Aber wir wollen keine Ausreden suchen", sagt ÖHB-Sportdirektor Patrick Fölser.

Für den Slowenen Pajovic, dessen Vertrag nur etwas mehr als eine Woche vor der WM auch wegen der symbolischen Wirkung verlängert worden war, steht ohnehin die Entwicklung der Mannschaft im Vordergrund. In den ausstehenden Gruppenspielen gegen Frankreich und Norwegen "Punkte zu suchen", sei dagegen "nicht realistisch", sagt er.

Allerdings, ergänzt Routinier Robert Weber, könne man nun befreit und ohne Druck aufspielen. Die Freude, gegen Mannschaften wie Frankreich und Norwegen antreten zu dürfen, müsse im Vordergrund stehen. "Natürlich ärgert es einen, wenn man gegen eine Mannschaft verliert, die wie die Schweiz (aufgrund der Nachnominierung nach dem Corona-bedingten Rückzug der USA) direkt aus dem Flieger kommt. Aber jetzt müssen wir einfach weiter Gas geben und es genießen, gegen Spieler zu spielen, die man sonst vielleicht nur aus dem Fernsehen kennt."

Robert Weber will mit Genuss in die weiteren Spiele gehen. - © apa / Erwin Scheriau
Robert Weber will mit Genuss in die weiteren Spiele gehen. - © apa / Erwin Scheriau

Um dabei aber nicht gänzlich unter die Räder zu kommen, müssten aber die technischen Fehler – der Hauptgrund für die Niederlage gegen die Eidgenossen – abgestellt werden, die Tormänner eine bessere Quote aufweisen. Vor allem aber werde es "wichtig sein, dass wir eine Einheit bleiben und bis zum Ende weiterkämpfen. Für viele ist es das erste Mal, es ist eine Erfahrung", betont Pajovic.

Diese wird man nun nach den beiden noch ausstehenden Gruppenspielen wohl im President’s Cup sammeln müssen, in dem es um die Plätze 25 bis 32 geht. Doch auch dort lassen sich Lehren aus der Leere ziehen – wie auch Frankreich aus den Ereignissen im Vorjahr gelernt zu haben scheint.