Auf einen Meter Seehöhe liegt die Gemeinde Heerenveen in der niederländischen Provinz Friesland. Gemeint ist damit freilich nicht etwa die Heimat von Komiker Otto Waalkes, was aber nicht heißt, dass die Stadt der Grafen und Torfstecher, die Heerenveen im 16. Jahrhundert seinen Namen gegeben haben, nicht auch bekannte Persönlichkeiten hervorgebracht hätte - den früheren Chef der Europäischen Zentralbank Wim Duisenberg zum Beispiel, oder eben, und das mag in einem flachen Land wie den Niederlanden ja wenig verwundern: Eisschnellläufer. Das Online-Lexikon Wikipedia ordnet allein drei Söhne und Töchter der Gemeinde dem Kufensport zu, allen voran den vierfachen Olympiasieger und dutzendfachen Mehrkampf- und Einzelstreckentitelträger auf der Langstrecke, Sven Kramer. Allein bei den am Wochenende in Heerenveen beginnenden Europameisterschaften ist der Lokalmatador nicht dabei, er hat die Qualifikation verpasst.

Das Spektakel findet im Eisstadion in Heerenveen, das 1967 als Freiluftarena eröffnet wurde und nach Thialfi, einem Diener des nordischen Gottes Thor benannt ist, statt. Seit 1986 ist die Eisbahn überdacht und bietet 12.500 Zuschauern Platz, theoretisch zumindest, werden doch die Bewerbe Corona-bedingt vor leeren Zuschauerrängen abgehalten. Die Maßnahme gilt im Übrigen auch für die nachfolgenden internationalen Turniere, für die Heerenveen in nächster Zeit den Gastgeber spielen darf, nachdem der internationale Eislaufverband ISU in Lausanne im November drei weitere Wettkämpfe aufgrund der Pandemie in die Niederlande verlegt hatte. So sind an den Wochenenden unmittelbar nach den Europameisterschaften in der Thialfi-Halle Weltcups geplant, vom 11. bis 14. Februar steigen hier die von China in die Heimat von Kramer verlegten Weltmeisterschaften.

Um nichts dem Zufall zu überlassen, wurde halb Heerenveen für sechs Wochen in eine Corona-sichere Blase verwandelt. In dieser "Bubble" bequem gemacht hat es sich bereits Österreichs Eisschnelllauf-Hoffnung Vanessa Herzog. Die Anreise mit ihrem Ehemann und Manager Thomas Herzog erfolgte bereits Ende November. Der Grund dafür leuchtet ein. "Wir wollen den Vorteil, in einem holländischen Team zu sein, nützen und uns auf dem Eis, auf dem alles entschieden wird, vorbereiten", erklärte Thomas Herzog. Nach wochenlanger Unterkunft in einem gemieteten Häuschen ging es am Montag für sechs Wochen in eine Blase.

Der Check-in im Hotel erinnerte eher an einen Spionagefilm als an einen Routinevorgang, wie die "Tiroler Tageszeitung" berichtet: Demnach wurde Vanessa Herzog von einem Security abgeholt und durch den Boteneingang des Hotels in einen Raum geführt, wo sich die Weltmeisterin von 2019 einem PCR-Test unterzog und sogleich mit ihrem Trainer durch den Hintereingang des Hotels auf das Zimmer geführt wurde. Raus durfte sie nicht, sogar ein Wachmann wurde vor dem Raum postiert. Thomas Herzog sollte die Maßnahmen später als "extrem streng, aber notwendig" bezeichnen, tatsächlich sind sie der einzige Garant, dass es heuer überhaupt eine internationale Saison gibt.

Sportlich betrachtet ist Herzog auf kontinentaler Ebene recht erfolgsverwöhnt. 2018 holte sie im Einzelstrecken-Format Gold, Silber und Bronze, im Jahr darauf Gold im Sprint-Vierkampf und im Vorjahr immerhin Silber über ihre Paradedistanz über 500 Meter. Nun geht es gemäß dem Wechsel-Rhythmus wieder um Vierkampf-Ehren beziehungsweise um Österreichs insgesamt 20. Medaille in der EM-Geschichte.

Zu den absoluten Favoritinnen zählt Herzog wegen der Corona-Auswirkungen diesmal aber nicht. "Mir fehlen ein wenig die Stunden auf der Inline-Bahn und auf dem Eis, im Vergleich zur Konkurrenz aus Holland, Russland, etc.", erklärte die 25-Jährige. "Die EM nehme ich aus dem Training mit, ohne große Medaillenchancen und will dabei zwei, drei gute Strecken laufen." Herzog hofft aber, bei den Weltcups besser in Form zu sein und anschreiben zu können, ehe die Weltmeisterschaften der Höhepunkt für sie sind. "Da hole ich hoffentlich eine Medaille über 500 Meter." Leicht wird dieses Unterfangen nicht: "Bei der holländischen Qualifikation haben wir erlebt, wie sehr wir aufholen müssen nach der schwierigen Vorbereitung", betonte Thomas Herzog. "Andere haben trainiert, wir haben permanent improvisiert. Der Unterschied zwischen den Top-Nationen und kleineren Ländern ist durch Corona vergrößert worden."

EM-Format seit 1891

So sind auch heuer mehr denn je große Eislaufnationen wie Russland oder eben die Niederlande zu den Favoriten zu zählen. Dass keine Fans zugelassen sind, ist vor allem für die Gastgeber ein Manko, zumal es eigentlich 2021 auch noch einen Jahrestag zu feiern gibt. So begeht das Format der Europameisterschaften im Eisschnelllauf sein 130. Bestandsjubiläum, seit 1891 ausgetragen, ist dies der älteste Bewerb der Olympiasportart. Bis vor wenigen Jahren wurden sie noch im Allround-Mehrkampf ausgetragen, erst 2017 bekam die EM ein neues Gesicht und alterniert nun alle zwei Jahre zwischen einer Einzelstrecken-EM und einer doppelten Mehrkampf-EM. Die meisten Athleten wie Vanessa Herzog sind nur froh, dass die Bewerbe überhaupt stattfinden können und im TV übertragen werden. Und vielleicht zappt ja auch Wim Duisenberg vorbei.