Fußball-WM in Katar, Olympische Spiele in Russland und China: Dass der internationale Sport kein allzu großes Problem damit hat, mit seinen Premium-Produkten in Länder zu gehen, in denen Menschenrechte eher ein Minderheitenprogramm sind, gehört nun wahrlich nicht zu den bestgehüteten Geheimnissen. Boykott-Aufrufe verhallen meistens ungehört – zu lautstark ist zumeist die Stimme des Geldes.

Auch Eishockey-Weltverbandspräsident Rene Fasel hat – zumindest indirekt – immer wieder darauf verwiesen, wenn in den vergangenen Monaten die Sprache auf die Zustände in Belarus kam. Während dort von 21. Mai bis 6. Juni in der Halle von Minsk ein Teil der Weltmeisterschaft stattfinden sollte, werden seit Monaten draußen vor den Toren Menschen niedergeknüppelt und verhaftet, die gegen das Regime von Machthaber Alexander Lukaschenko demonstrieren, der sich nach der von der EU nicht anerkannten, weil offensichtlich gefälschten Präsidentenwahl im August zu seinem eigenen Nachfolger ernannt hatte.

Immer wieder hatte Fasel sich zwar öffentlich beunruhigt gezeigt, wie man das halt so in bestem Diplomatenjargon macht, aber gemeint, die Sponsoren und Partner würden sich auf den Weltverband IIHF verlassen, das Turnier, für das als Co-Veranstalter Lettland vorgesehen ist, wie geplant auszutragen. Doch erstens ist es manchmal anders, und zweitens, als man denken mag.

Das gilt nicht nur für ein Treffen des Schweizers mit Lukaschenko in der Vorwoche, das mit Bildern von herzlichen Umarmungen für Irritationen nicht nur in der Sportwelt gesorgt hat, das Fasel aber als "falsch interpretiert" dargestellt sehen will, Das galt auch für den mutmaßlichen Wunsch der angesprochenen Sponsoren. Denn neben zahlreichen europäischen Politikern und Topsportlern waren es nun ausgerechnet sie, die der IIHF die Gefolgschaft verweigerten, sollte diese an den Plänen festhalten – und die damit zur Absage der Spiele in Minsk führten.

Offiziell wollte das Council der IIHF beim nächsten Treffen am 25./26. Jänner in Zürich über die Causa beraten, nun fiel die Entscheidung aber schon am Montag: Minsk wird nicht Ausrichter der WM sein, Ersatzpläne sollen in den kommenden Tagen bekanntgegeben werden.

"Auch Lukaschenkos Corona-Politik zählt nicht zur Kategorie ,vertrauensbildende Maßnahmen'."

Die IIHF war zum Handeln gezwungen. Denn die Zeit drängte. Zu den üblichen logistischen Herausforderungen die Spielstätten, die Anreise und Unterbringung der Teams betreffend kam nun erschwerend hinzu, dass erst Corona-Schutzkonzepte erarbeitet werden müssen. Auch diesbezüglich wirkten die bisher bekannten Beiträge und Ratschläge Lukaschenkos zur Pandemiebekämpfung – Stichwort: Wodka und Saunagänge würden gegen das Virus helfen, das ohnehin lange nicht als reale Bedrohung angesehen wurde und etwa die nationale Meisterschaft im Fußball auch während des europaweiten Lockdowns nicht zum Erliegen brachte – nicht unbedingt als vertrauensbildende Maßnahmen.

Dafür, was passiert, wenn die mahnenden Stimmen nicht ernst (genug) genommen werden, dient aktuell die Handball-WM in Ägypten als warnendes Beispiel: Zwei Teams, die USA und Tschechien, mussten schon vor Beginn des Turniers Forfait geben, Deutschland erreichte die Hauptrunde kampflos, weil die Gegner der Kapverden kurz vor dem Spiel keine Corona-negative Mannschaft auf die Beine stellen konnten.

Weißrusslands Machthaber Alexander Lukaschenko (r.) beim gemeinsamen Eishockey mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. - © afp / Serei Chirikov
Weißrusslands Machthaber Alexander Lukaschenko (r.) beim gemeinsamen Eishockey mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. - © afp / Serei Chirikov

Für Fasel bot indessen ausgerechnet Corona einen Ausweg aus dem Dilemma, das wohl eines der heikelsten seiner bisher knapp 27 Jahre andauernden Amtszeit war. Hineinmanövriert hat er sich nicht nur durch ungeschickte Auftritte wie jenen mit Lukaschenko in der Vorwoche, sondern durch monatelanges Praktizieren einer gewissen Vogelstraußpolitik selber. Denn schon im Sommer haben sich Athleten, die selbst Repressionen ausgesetzt waren, hilfesuchend an die internationale (Sport-)Gemeinschaft gewandt. Man dürfe "dem letzten Diktator Europas" keine Bühne bieten, hieß es. Auch in den vergangenen Tagen nannte die BSSF, in der sich Tausende Topsportler aus allen Bereichen zusammengeschlossen haben, Aussagen Fasels "Lügen", wonach sich dieser bei seiner Reise nach Minsk auch mit der Opposition beraten hätte.

"Den Sponsoren dürfte Plan B lieber sein - zumal Variante A für ,Anerkennung Lukaschenkos' stehen würde."

Der Druck stieg zuletzt so lange, bis keine andere Möglichkeit mehr blieb. Auch namhafte Politiker hatten sich zuletzt gegen eine WM in Weißrussland ausgesprochen. Dies sei "keine Frage politischen Kalküls, sondern der Haltung", sagte Deutschlands Außenminister Heiko Maas vergangene Woche. Es wäre "das größte PR-Geschenk" an Lukaschenko, die Spiele stattfinden zu lassen – "und ein verheerendes Signal an die Demonstrierenden".

Diese Argumente hatte Fasel bisher gemäß den Usancen anderer Sportfunktionärsgranden abgeschmettert. Die Dinge würden sich schließlich nicht zum Guten ändern, wenn Weißrussland nicht Gastgeber wäre, sagte er noch vor kurzem. Jetzt klingt das bereits ein bisschen anders. Eine WM ausschließlich in Lettland wäre denkbar, auch Dänemark und die Slowakei hätten Interesse angemeldet, einzuspringen, verriet er. Und: "Wir haben einen Plan B."

Nun gilt es, diesen zu präzisieren. Immerhin dürfte er eher im Sinne der Sponsoren sein. Denn Variante A hätte für viele geheißen: "Anerkennung für Lukaschenko."