Sie nennen es das "Happy Slam": Die Australian Open werden für gewöhnlich mit großer Vorfreude begangen. Es ist das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres, das erste Highlight im Tennis-Kalender, unter australischer Sonne und umgeben von gutgelaunten Menschen lässt es sich euphorisch in die Saison starten. Doch glücklich ist in diesem Jahr wohl kaum einer der Profis - und Kontakt mit Menschen ohnehin kaum möglich.

Mehr als 70 Spieler befinden sich in Melbourne in Vollquarantäne, was bedeutet, dass sie nicht nur die üblichen Einreisebestimmungen einhalten müssen, sich aber zumindest wie erhofft fürs Training auf den Platz bewegen dürfen, sondern für zwei Wochen komplett in ihren Hotelzimmern festsitzen und gar nicht hinaus dürfen, weil bei Mitreisenden in ihren Fliegern vereinzelt positive Fälle aufgetreten sind.

Und proportional zu ihrer Zahl wächst täglich auch die Kritik an den Behörden und den Organisatoren des Turniers, das ab 8. Februar stattfinden soll. Die einen befürchten eine Wettbewerbsverzerrung - weil anderen Spielern, darunter den in Adelaide befindlichen Vorjahresfinalisten Dominic Thiem und Novak Djokovic, Training auf dem Platz sehr wohl möglich ist; die anderen nörgeln über zusätzliche Ärgernisse.

Für Aufregung haben zuletzt etwa Social-Media-Postings der Kasachin Yulia Putintseva gesorgt, die ihre Fans zunächst noch mit Eindrücken der etwas anderen Vorbereitung - etwa dem An-die-Wand-Schlagen des Balles oder dem Herumhüpfen im Zimmer - versorgte, nun aber die Geduld zu verlieren scheint.

Einmal tat sie ihrem Ärger darüber, dass sich die Fenster im Quarantänehotel nicht öffnen ließen, kund, indem sie sich mit einem Plakat mit der Aufschrift "Wir brauchen frische Luft zum Atmen" fotografierte und das Bild ins Netz stellte - das Posting wurde kurze Zeit später gelöscht -, ein anderes Mal schrieb sie, sie habe schon einmal das Zimmer wegen Mäusen wechseln müssen - und dann festgestellt, dass die Nager sich auch im anderen Quartier breitgemacht hätten. "Es sind viele von ihnen. Nicht nur eine in meinem Zimmer", schrieb sie zu einem entsprechenden Video.

Der Katzenjammer ist groß, auf allen Seiten. Denn während manche um das gute Image Australiens, das zum einen wegen der geografischen Lage, zum anderen freilich auch wegen der restriktiven Maßnahmen bisher gut durch die Pandemie gekommen ist, fürchten, sehen andere das Bild der verwöhnten Spitzensportler bestätigt.

Schmaler Grat für die Organisatoren

Auch innerhalb des Tenniszirkus selbst teilen nicht alle die offensive Kritik von Putintseva und Co.: Die ehemalige Weltranglistenerste Victoria Asarenka etwa ließ mit einem Appell an die Solidarität aufhorchen. "Wir leben in einer globalen Pandemie, und niemand hat ein Drehbuch. Manchmal passieren Dinge, und wir müssen sie annehmen, uns anpassen und weitermachen", schrieb sie auf Twitter, bedankte sich bei "allen, die es möglich machen, dass wir Tennisspielen können", erinnerte an die Menschen, die Job oder noch schlimmer Angehörige verloren hätten, und appellierte an die Solidarität unter den Spielerinnen und Spielern.

Es war ein Aufruf, der Wasser auf die Mühlen von Australian-Open-Turnierdirektor Craig Tiley war. Denn auch er musste sich schon einiges an Kritik anhören. Noch im Oktober hatte er gemeint, es sei "unmöglich", Spielern eine zweiwöchige Quarantäne zu verordnen und dann zu erwarten, dass sie "hinausgehen und ein Grand-Slam-Turnier spielen". Nun sieht er die Sache nicht nur anders, auch Rufen nach einer Änderung der Regeln - etwa die Verkürzung auf zwei Gewinnsätze - , einer Verschiebung oder gar einer Absage erteilt er eine deutliche Abfuhr. Der überwiegende Teil der Spieler trage die Maßnahmen mit, betont er. Allerdings könnte die Situation noch eskalieren, wenn etwa Akteure sich verletzen oder Kreislaufprobleme bekommen - und die mangelhafte Vorbereitung als Grund dafür ausgemacht wird. Denn dann wäre vom Happy Slam tatsächlich nicht mehr viel übrig.