Die selbe Prozedur wie jedes Jahr? Die selbe Prozedur wie jedes Jahr. Silvester mag längst vorbei sein, aber was den nordamerikanischen Football-Sport angeht, gilt das legendäre "Dinner For One"-Motto bis heute. Eine Super Bowl ohne Tom Brady ist heutzutage, wie wenn Miss Sophie nicht nur ohne ihre verblichenen Gäste, sondern auch ohne Butler James Geburtstag feiern würde, quasi undenkbar also. Als Mensch kann man von dem bekennenden Donald-Trump-Fan halten, was man will; als Sportler setzt er unbestritten jedes Jahr neue Maßstäbe.

43 Jahre ist Herr Brady mittlerweile alt. Das macht ihn in seiner Position auf dem Spielfeld - er verteilt seit nunmehr über einem Vierteljahrhundert als Quarterback das Spielei an wechselnde Abnehmer - nicht zu einer raren Spezies, sondern zum Dinosaurier, der sich einfach dem Aussterben verweigert.

"Eine Super Bowl ohne Tom Brady wäre, als ob Miss Sophie ohne Butler James Geburtstag feiern würde, quasi undenkbar also."

In seiner sage und schreibe zehnten Super Bowl trifft Brady mit seinen Tampa Bay Buccaneers am Sonntag um halb sieben Uhr abends Ortszeit Florida (halb zwei in der Früh MESZ/Puls 4) auf die Kansas City Chiefs. Nicht nur für ihn persönlich eine historische Angelegenheit. 55 Jahre ist es her, dass ein Team das Endspiel um die inoffizielle Football-Weltmeisterschaft - das damals noch gar nicht Super Bowl hieß - im eigenen Stadion austragen durfte.

Der Heimvorteil ist freilich insofern relativ, als die Coronavirus-Pandemie auch in Tampa und Umgebung grassiert und Zuschauer im an und für sich 75.000 Menschen fassenden Raymond James Stadium nur bedingt zugelassen sind. Einlass gewährt wird am Sonntag trotzdem einem Drittel davon werden, weil es die National Football League (NFL) wie der republikanische Gouverneur von Florida Ron DeSantis mit der öffentlichen Gesundheit am Ende dann halt doch nicht so genau nehmen.

Auch Herr Brady stört sich daran ausgesprochen nicht, im Rahmen einer der virtuellen Pressekonferenzen im Vorfeld gab er zu Protokoll, dass es "ein ungewohntes, aber tolles Gefühl ist, im eigenen Bett aufzuwachen und zur Super Bowl zu fahren." Ein Vorteil, den die Gegner aus Missouri nicht haben. Was ihnen trotzdem nicht zwangsläufig zum Nachteil gereicht. Die Chiefs gehen als amtierende Champions ins Finale.

Vor einem Jahr hatten die Männer um Star-Quarterback Patrick Mahomes, als es darauf ankam, die San Francisco 49ers gebogen (Endstand 31:20) und Head Coach Andy Reid seinen ersten Super-Bowl-Erfolg überhaupt in dieser Funktion beschert. Das seinerzeitige Spiel fand ebenfalls im Süden Floridas statt, nur halt auf der anderen Küstenseite, in Miami. Nicht zuletzt deshalb gilt Kansas City trotz allem diesmal als klarer Favorit, Tampa bei den Buchmachern in Las Vegas als Außenseiter.

Tom Brady steht Patrick Mahomes gegenüber. - © afp / getty images / Jamie Squirie
Tom Brady steht Patrick Mahomes gegenüber. - © afp / getty images / Jamie Squirie

Jene Menschen, die für die Aufstellung der Wettquoten verantwortlich zeichnen, haben genau hingeschaut und vermerkt, dass alle Erfahrung und Qualitäten Tom Bradys jenen Umstand nicht aufwiegen, dass er sich in den vergangenen Jahrzehnten mit den Defensivreihen jenes Mannes beständig schwer tat, der nämliche heute bei den Chiefs anleitet. Stephen Spagnuolo, der seit zwei Jahren als Defensive Coordinator von Kansas City eine kaum zu überschätzende Schlüsselrolle einnimmt (er diente Harry Reid bereits von 1999 bis 2006, als der noch die Philadelphia Eagles managte), gilt als so etwas wie Bradys Nemesis.

Sogar zu Zeiten, als Letzterer seinen langjährigen Arbeitgeber New England Patriots an den Rand der absoluten Perfektion brachte, schafften es die Untergebenen des 61-jährigen regelmäßig, ihn in die Schranken zu weisen. Auch Spagnuolos eher missratene Karriere als Head Coach (St. Louis Rams 2009-11, New York Giants 2017) ändert daran nichts.

"Amanda Gorman, ihres Zeichen National Youth Poet Laureate, wird vor dem Münzwurf ein Gedicht an die einfachen Leute vortragen, die in den USA unter hohem persönlichem Risiko das Werkl am Laufen halten."

Ihm und seinem Chef gegenüber wird indes ein Mann arbeiten, der ihnen in punkto Erfahrung in nichts nach steht. Bruce Arians, 68, begann seine Karriere einst im College-Football der Siebzigerjahre. Seinen Einstieg in die NFL Ende der Achtziger ermöglichten ihm ausgerechnet die Gegner von heute: Zwischen 1989 und 1992 ließ er als Special Coach die Running Backs der Chiefs an einer Weisheit teilhaben, für die er heute in der ganzen Liga bekannt ist: "No risk, no biscuit" - frei übersetzt, "Wer nichts riskiert, gewinnt keinen Keks."

Für den nicht-sportlichen Teil der Unterhaltung werden in Tampa unter anderem die Sängerinnen Miley Cyrus und H.E.R., der Country-Barde Eric Church und der kanadische Musikant The Weeknd sorgen - und last aber definitiv not least, der neue Stern am US-amerikanischen Dichterhimmel, der seit seinem schon jetzt legendären Auftritt bei der Amtsangelobung von Joe Biden als US-Präsident alles überstrahlt. Amanda Gorman, ihres Zeichen National Youth Poet Laureate, wird vor dem Münzwurf ein Gedicht an die einfachen Leute vortragen, die in den USA unter hohem persönlichem Risiko das Werkl am Laufen halten: Lehrer, Krankenpfleger und Soldaten. Zumindest bis zum Ankick wird so die Menschenwürde gewahrt bleiben.