So unwägbar die Vorbereitung war – Quarantäne, Motschgereien mancher Spieler und Absagegerüchte inklusive, so vorhersehbar waren die Erstrundenergebnisse der Topstars bei den Australian Open in Melbourne. In der Nacht auf Dienstag folgte Rafael Nadal Novak Djokovic und Dominic Thiem in die nächste Runde, auch der hinter diesem Trio als Nummer vier gesetzte Daniil Medwedew nahm seine Auftakthürde.

Das Fragezeichen, das wegen seiner hartnäckigen Rückenbeschwerden und seiner Absage für seinen zweiten Einsatz beim ATP Cup hinter Nadals Leistungsvermögen stand, löschte der Spanier mit einem ungefährdeten 6:3, 6:4, 6:1-Sieg gegen den Serben Laslo Djere vorerst aus.

Auch der russische Titel-Mitfavorit Medwedew entschied sein Auftaktmatch für sich. Der 24-Jährige ließ dem Kanadier Vasek Pospisil beim 6:2, 6:2, 6:4 keine Chance. Medwedew hatte mit dem russischen Team am Sonntag das Finale beim ATP Cup gegen Italien gewonnen. Mit dem Erfolg gegen Pospisil baute er seine Siegesserie auf 15 Matches aus. Medwedew hatte im vergangenen Jahr beim World-Tour-Finale der besten acht Profis der Saison im Endspiel gegen Thiem den Titel geholt und gehört zu den Favoriten beim ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres.

Nadal könnte Rekord knacken

"Ich habe heute einen guten Job gemacht, drei Sätze, das ist gut. Natürlich war es nicht die ideale Vorbereitung, aber ich schaue jetzt von Tag zu Tag", sagte Nadal im Siegerinterview auf dem Platz. Der 34 Jahre Spanier triumphierte bisher nur einmal 2009 bei den Australian Open. Sollte er in diesem Jahr den Titel holen, wäre er der Tennisprofi mit den meisten Grand-Slam-Siegen bei den Herren. Bisher haben Nadal und der in diesem Jahr fehlende Roger Federer je 20 Grand-Slam-Turniere gewonnen. Djokovic folgt mit 17 Titeln.

So weit ist Thiem freilich noch nicht, dennoch hofft der Niederösterreicher, dass ihm mit seinem ersten Grand-Slam-Sieg im Vorjahr bei den US Open der berühmte Knopf aufgegangen ist. Zweifel hatte es im Vorfeld des Turniers in Melbourne aber auch bei ihm gegeben, ehe er nach durchwachsenem Beginn mit 7:6, 6:2, 6:3 gegen den Kasachen Michail Kukuschkin durchsetzte. Für den Vorjahresfinalisten geht es nun gegen den Deutschen Dominik Koepfer weiter, gegen den er auf der Tour noch nie gespielt hat.

Thiem: "Wieder ein Sprung ins kalte Wasser"

Der Auftaktsieg hat bei ihm spürbare Erleichterung hinterlassen, nach dem eher schwachen Auftritt beim ATP Cup habe er "nicht wirklich gewusst, wo ich stehe", sagte der Österreicher nach der Partie gegen Kukuschkin. Auch wenn er sein spielerisches Potenzial am Montag nicht wirklich ausspielen konnte, wisse er nun immerhin, dass die Fitness passe. "Die Fitness war ab 2019 und bei den Turnieren 2020 richtig gut. Es war das Ziel, den Level zu halten in der Off-Season, dann Kleinigkeiten verbessern." Besonders am Standweitsprung ("war nie meine große Stärke") hat er sehr gearbeitet. "Das ist schon ein Indikator für die Schnelligkeit. Das habe ich heute schon gemerkt, dass ich eigentlich echt flink bin am Platz und auch sehr gut rausgegrätscht habe links, rechts teilweise. Das tut schon gut, wenn man sieht, dass sich die ganze Arbeit in gewisser Weise auszahlt."

Sichtbar erleichtert war Dominic Thiem. Der Anfang wäre einmal geschafft. - © afp / William West
Sichtbar erleichtert war Dominic Thiem. Der Anfang wäre einmal geschafft. - © afp / William West

Am Mittwoch erhält Thiem die nächste Möglichkeit zur Formüberprüfung. Gegen den Deutschen Koepfer, der den Lucky Loser Hugo Dellien aus Bolivien glatt 7:5, 6:2, 6:4 besiegte, hat er auf der Tour bisher noch nicht gespielt. "Mit Koepfer hab’ ich nur einmal trainiert, letztes Jahr hier in Australien", erzählte der 27-Jährige. Auf größter Tennisbühne wird es damit wieder Neuland für Thiem. "Es wird wieder ein Sprung ins kalte Wasser. Ich werde mir wieder Videos anschauen müssen und mir eine gute Taktik zurechtlegen." Thiem ist natürlich klarer Favorit, denn Koepfer ist aktuell 70. der Weltrangliste.

Zwischen Ausnahmezustand und Normalität

Die Fan-Kulisse im Rod Laver Stadium war sehr schütter, Thiem glaubt, dass es etwa zu einem Viertel belegt war. "Sicherlich viel besser als mit null Zuschauern, aber weit weg von ideal", meinte der Niederösterreicher dazu. Ideal war auch nicht die lange Vorbereitungszeit, denn man könne "auch übertrainieren", schilderte Thiem. "Wenn ich zu viel trainiere, dann fange ich wieder an, schlechter zu spielen, also musste ich die richtige Balance finden." Eine Änderung, die die Coronavirus-Pandemie mit sich gebracht hat, gefällt Thiem aber. Das "electronic line calling", also der Ersatz der Linienrichter durch die Technik, kommt gut bei ihm an. "Ehrlich gesagt, mag ich es ohne Linienrichter, da passieren einfach keine Fehler, und das ist wirklich gut. Ein Schritt in die richtige Richtung."

Ansonsten erlebt er dieses Grand-Slam-Turnier trotz Corona-Krise etwas anders als zuletzt. "Es ist mittendrin zwischen Corona-Leben und normalem Leben. Wir können normal essen gehen, aber man merkt halt trotzdem, dass eine komplett andere Zeit ist, weil alle Leute mit der Maske rumlaufen." Thiem bedankte sich, wie auch schon auf dem Court nach seinem Sieg, bei den Veranstaltern und auch der australischen Regierung, die wegen der schwierigen Bedingungen für die Spieler im Vorfeld auch mit Kritik konfrontiert waren. "Das Turnier ist sensationell organisiert. Dass die Australier das Risiko eingehen, die Veranstaltung abzuhalten, ist absolut sensationell. Ich hoffe, dass ich es so lange wie möglich auskosten kann." Der Anfang wäre ja zumindest schon einmal geschafft - das gilt freilich für die anderen Stars auch. (art/apa)