Irgendwann nach diesem epischen Tennis-Match war die Nacht da, der nächste Tag würde anders sein in Melbourne. Schon davor hatte die Regierung wegen neuer Coronavirus-Fälle beschlossen, dass ab Samstag für vorerst fünf Tage ein Lockdown gilt und also auch keine Zuschauer mehr zugelassen sein werden. Noch einmal also hieß es für Österreichs Tennis-Ass Dominic Thiem am Freitag, die Stimmung genießen.

Wobei das mit dem "Genießen" so eine Sache ist. Denn der australische Lokalmatador Nick Kyrgios verlangte dem Weltranglistendritten in der dritten Runde alles ab, die Zuschauer verwandelten die Arena noch dazu in einen Hexenkessel. Thiem kann es sich zugutehalten, dass er sowohl spielerisch als auch physisch und nicht zuletzt mental der Herausforderung gewachsen war - und mit einem 4:6, 4:6, 6:3, 6:4, 6:4-Sieg in sein 15. Grand-Slam-Achtelfinale einzog, womit er den bisherigen österreichischen Rekord von Thomas Muster gebrochen hat.

Einfacher wird es aber nun nicht mehr werden. Denn wie Tag und Nacht verhielten sich auch die Strapazen des Österreichers gegenüber jenen seines nunmehrigen Gegners. Der Bulgare Grigor Dimitrow konnte beim 6:0, 1:0, w.o.-Sieg gegen den Spanier Pablo Carreño Busta Kräfte sparen, ehe er nun den aktuellen US-Open-Champion herausfordert.

Doch es wäre verfehlt, Dimitrows Aufstieg in erster Linie der Aufgabe seines Gegners zuzuschreiben. Thiem ist nach drei Niederlagen in bisher fünf Aufeinandertreffen gewarnt vor dem mit 29 um zwei Jahre älteren Bulgaren. Die beiden Siege sind schon lange her, 2016 war das sowie 2017 auf Sand - nicht dem stärksten Belag Dimitrows, der sich auf schnelleren Böden deutlich wohler fühlt. Was er kann, bewies er allerdings ebenfalls - unter anderem - in fraglichem Jahr, als er es in der Weltrangliste bis auf Platz drei schaffte und in London den inoffiziellen Weltmeistertitel beim World-Tour-Finale gewann. Auf dem Weg dorthin hatte er unter anderem Thiem ausgeschaltet.

Der Bulgare Grigor Dimitrow (29) war 2017 Masters-Sieger. - © afp / Vince Caligiuri
Der Bulgare Grigor Dimitrow (29) war 2017 Masters-Sieger. - © afp / Vince Caligiuri

Für viele ist Dimitrow, der aufgrund der Eleganz seiner einhändigen Rückhand schon in jungen Jahren als "neuer Roger Federer" bezeichnet wurde, schon länger reif, auch auf Grand-Slam-Ebene einmal zuzuschlagen; dreimal - in Wimbledon 2014, Melbourne 2017 und Flushing Meadows 2019 - stand er bereits in einem Halbfinale.

An der Favoritenrolle Thiems ändert das freilich nichts, doch dass das nicht viel heißen muss, sah man auch gegen Kyrgios. Der 25-jährige Australier ließ den Österreicher zunächst nicht in seinen Rhythmus kommen; erst als es Thiem gelang, mehr Stabilität in seine Aufschlagspiele zu bekommen und Kyrgios in längere Ballwechsel zu verwickeln, schaffte er die Wende. Dass dies vor allem auch ein mentaler Kraftakt gewesen sei - ein weiterer Pluspunkt gegenüber dem immer wieder mit sich selbst, dem Schiedsrichter und der Welt hadernden Kyrgios -, verhehlte Thiem nicht. Anfang des dritten Satzes, in dem er Breakbälle abwehren musste, habe er schon begonnen, sich gedanklich mit einer möglichen Niederlage zu beschäftigen, erklärte er danach. "Aber dann habe ich ans US-Open-Finale gedacht und daran, dass Aufgeben keine Option ist."

Es ist auch diese Erfahrung von den US Open, als er im Endspiel gegen Sascha Zverev ebenfalls schon am Rande einer Niederlage taumelte, die Thiem auch für den weiteren Verlauf eines Turnieres, in dem alle weiteren Favoriten ebenfalls noch dabei sind, zuversichtlich stimmt. Dass dabei vorerst keine Fans mehr dabei sind, stimmt ihn betrübt. "Ich spiele lieber vor einem Publikum, das gegen mich ist, als vor gar keinem." Und irgendwann werden auch in Australien wieder andere Tage kommen. Um sie genießen zu können, müsste Thiem freilich noch länger im Bewerb bleiben.