Die Beine fühlten sich an, als würden sie "im Schlamm stecken", die Hände zitterten, das Herz raste. Jennifer Brady bemühte physiologische Prozesse, mehr aber war es wohl die Beschreibung ihres psychischen Zustandes, nachdem sie sich im Halbfinale der Australian Open mit 6:4, 3:6, 6:4 gegen die Tschechin Karolina Muchova durchgesetzt und ihren erstmaligen Einzug in ein Grand-Slam-Endspiel fixiert hatte. Es war kein spielerisch allzu hochklassiges Match, aber eines, mit dem Brady wie schon in der Runde davor gegen ihre US-Landsfrau und Freundin Jessica Pegula ihre kämpferischen Qualitäten unter Beweis gestellt hatte. "Ich muss positiv bleiben", hatte sie schon davor gesagt.

Das war zu jener Zeit, als sie über die harte Vollquarantäne gesprochen hatte, von der sie wie etliche andere Spielerinnen auch vor dem Turnier betroffen war. Nun ist sie die Einzige, die diese durchmachen musste und dennoch noch im Turnier ist. Vielleicht hat das auch mit ihrer Einstellung zu tun. Denn sie hat dieser Zeit auch etwas Gutes abgewinnen können, weil es eh keine andere Möglichkeit gab. "Ich habe länger geschlafen und mental Kräfte gesammelt", erzählte sie. "Ich muss es nehmen, wie es ist. Und nicht jammern."

Dieser unerschütterliche Glaube macht die 25-Jährige im Finale am Samstag (9.30 Uhr MEZ) nun auch zu einer ernsthaften Gefahr für Naomi Osaka, die nach ihren drei Grand-Slam-Titeln in den vergangenen drei Jahren (US Open 2018 und 2020, Australian Open 2019), als Nummer drei der Welt und Halbfinal-Bezwingerin von Serena Williams (6:3, 6:4) freilich Favoritin ist. Dennoch dürfte die Japanerin mehr als nur gewarnt vor der Frau aus Harrisburg/Pennsylvania sein. Bei den US Open hatte sie ihr einen harten Dreisatzkampf geboten, es war Bradys bisher bestes Abschneiden bei einem Major-Turnier - und nach Jahren auf der Tour ihr großer Durchbruch.

Novak Djokovic greift nach seinem 18. Grand-Slam-Titel

Dieser hat seinen Ursprung auch in Deutschland, wo sie sich vor der Corona-Krise dem deutschen Trainer Michael Geserer angeschlossen hat, der bereits Julia Görges zu ihren größten Erfolg geführt hatte. Während des Tennis-Lockdowns verbrachte Brady zu Trainingszwecken viel Zeit in Regensburg, sie habe "selten zuvor so gut und methodisch trainiert", sollte sie danach sagen. Die ersten Erfolge ließen nicht lange auf sich warten: Kurz vor den US Open gewann sie ihr erstes Turnier auf WTA-Ebene, danach kam der auch in der Heimat vielbeachtete Halbfinaleinzug in Flushing Meadows.

Nun ist es Brady, eine Frau, die vor einem Jahr nur Insidern bekannt war, die die Hoffnungen der stolzen USA auf einen weiteren Grad-Slam-Titel trägt. Bei den Herren, bei denen Novak Djokovic nach seinem 6:3, 6:4, 6:2-Sieg über den Russen Aslan Karazew am Freitag nun auf seinen Finalgegner Daniil Medwedew oder Stefanos Tsitsipas wartet (Halbfinale ab 9.30 Uhr MEZ/Servus TV), ist dieser derzeit nicht in Sicht. Und bei den Damen ist Serena Williams auf dem Weg zu ihrem ersehnten 24. Major-Triumph und damit dem Rekord von Margaret Court abermals gescheitert.

 

Der "Djoker" hat wieder zugeschlagen. - © afp / David Gray
Der "Djoker" hat wieder zugeschlagen. - © afp / David Gray

Es wäre freilich eine weitere Sensation dieser an Überraschungen nicht armen Australian Open. Eher keine wäre ein weiterer Titel für Djokovic. Der Serbe hat hier bereits acht Mal gewonnen, die jüngsten zwei Titel in Melbourne und insgesamt 17 bei Grand-Slam-Turnieren geholt, womit ihm nur noch drei auf den Rekord von Federer und Nadal fehlen. Beine, die "im Schlamm stecken", wird aber auch er sich nicht leisten können.(art)