Es ist das alte Lied. Wenn sich zwei streiten, kann mitunter der Dritte jubeln. So geschehen bei der Flandern-Rundfahrt, einem der sogenannten "Monumente" des Radsports am Sonntag. Die Frage vor dem Rennen war nämlich: Mathieu van der Poel oder Wout van Aert? Die beiden prägen seit Kindheit eine ganz besondere Rivalität, und diese drücken sie mehr und mehr dem Straßenradsport auf. Im Vorjahr hatten nur wenige Zentimeter zugunsten von Van der Poel entschieden. Und diesmal? Sah es auch wieder nach diesem Duell und einem erneuten Erfolg des Niederländers auf. Dann aber setzte der Däne Kasper Asgreen zum Sprint an – und gewann.

Auch wenn Asgreen diesmal den großen Coup landete, darf angenommen werden, dass das Duell Van der Poel gegen Van Aert die kommenden Jahre im Radsport prägen wird. Und die zwei lassen auch kaum eine Gelegenheit aus, sich zu duellieren. In diesem Sommer werden sie auch erstmals gemeinsam die Tour de France bestreiten, für Van Aert wird es die dritte Tour werden, für Van der Poel die erste.

Beim Querfeldein sind Mathieu Van der Poel (l.) und Wout van Aert seit Jahren einsame Spitze. - © apa / afp / Belga / Jasper Jacobs
Beim Querfeldein sind Mathieu Van der Poel (l.) und Wout van Aert seit Jahren einsame Spitze. - © apa / afp / Belga / Jasper Jacobs

Das erste Rennen zwischen den beiden hat noch Wout van Aert gewonnen. Er kam nämlich zuerst zur Welt, es war der 15. September 1994, Mathieu van der Poel folgte dann am 19. Jänner 1995. Beide in Flandern, beide von niederländischen Eltern, und schon als Kinder trafen sie aufeinander, der eine, Wout van Aert, im belgischen Trikot, der andere, Mathieu van der Poel, in jenem der Niederlande.

Dominanz im Querfeldein-Radsport

Seit ihrem ersten Rennen dürften weitere circa 200 hinzugekommen sein, das erste große war die Querfeldein-Weltmeisterschaft der Junioren im Jahr 2012. Beide waren damals 17, es siegte Van der Poel vor Van Aert. Drei Jahre später fuhren die zwei bereits bei den Erwachsenen, und abermals siegte Van der Poel vor Van Aert, im Jahr darauf revanchierte sich dann der Belgier. Und so ging es dann auch weiter. Einmal dieser, einmal jener.

Beim Cyclecross hat seither scheinbar kein anderer Fahrer mehr die Chance auf einen WM-Titel, die beiden sind schlicht überragend. Seit einigen Jahren begegnen sich die beiden aber auch auf der Straße, ihre Rivalität erhielt damit ein deutlich größeres Publikum, während der Querfeldeinradsport primär in Flandern Popularität genießt. Das heißt aber nicht, dass die zwei auf Cyclecross verzichten. Was vielleicht auch ein Problem ist, wie Beobachter meinen und sich eventuell auch am Sonntag gezeigt hat. Schon im Vorfeld des Rennens hatten nämlich die zwei öffentlich vermutet, dass durch die intensive Cyclecross-Saison und etliche Straßenrennen auch im Frühling die Kraft just beim Klassiker in Flandern eventuell nicht mehr ausreichen könnte. Es war dann auch so.

Unvermeidlich war aber, dass sich die beiden jedenfalls auch bei Straßenrennen in die Siegerlisten eintrugen, Van der Poel konnte neben der Flandern-Rundfahrt auch das Amstel Gold Race sowie einige weitere Eintagesrennen gewinnen, Van Aert gewann erst kürzlich Gent-Wevelgem sowie im Vorjahr Mailand-Sanremo und die Strade Bianche, bei der heuer wiederum Van der Poel siegte.

Van Aert fährt mittlerweile für das Luxusteam Jumbo-Visma mit Primoz Roglic, Van der Poel weiterhin für das eigentlich zweitklassige Team Alpecin-Fenix. Es gibt dafür Vor- und Nachteile. Der Belgier kann zweifellos auf eine bessere Mannschaft zurückgreifen, allerdings hat sich Jumbo-Visma vor allem den Gewinn der Tour de France zum Ziel gesetzt und entsprechend die Schwerpunkte gesetzt.

Nächstes Ziel: Olympische Spiele

Bei Eintagesrennen ist die kollektive Kraft, die aus der Mannschaft kommt, aber weniger bedeutsam als bei großen Rundfahrten, wenn auch nicht unbedeutend. Bei der diesjährigen Flandern-Rundfahrt erledigten die beiden Mannschaften sowie Quickstep, das Team von Weltmeister Julian Alaphilippe, die Nachführarbeit nach einer frühen Attacke einer größeren Gruppe.

Auf den letzten 60 von insgesamt 254 Kilometer waren sie dann ohnehin auf sich gestellt, ohne Helfer. Egal. Van der Poel attackierte zuerst, verkleinerte die Spitzengruppe, der Österreicher Marco Haller, der ein starkes Rennen fuhr, konnte ihm folgen und danach sogar eine eigene Attacke lancieren. Auch Van Aert war natürlich am Rad des Niederländers. Bei der vorletzten Steigerung, dem Kwaremont, zog Van der Poel dann erneut das Tempo an, diesmal kapitulierte Van Aert.

Damit hatte der Vorjahressieger seinen großen Rivalen abgeschüttelt, der als der etwas endschnellere Mann gilt, selbst wenn im Vorjahr Van der Poel ein paar Hundertstel eher im Ziel war. Und Kraftwunder Van der Poel sollte eigentlich auch Asgreen beherrschen können, doch der Däne erwies sich am Ende doch zäher und smarter als Van der Poel. Oder frischer? Die Flandern-Rundfahrt war nun jedenfalls das letzte Rennen für Van der Poel für eine ganze Weile, sein nächstes großes Ziel sind die Olympischen Spiele – auch für Wout van Aert. Ein Duell wird es aber nicht werden, denn Van Aert tritt im Einzelzeitfahren und wohl im Straßenrennen für Belgien an, Mathieu van der Poel steigt aufs Mountainbike. Für beide bedauerlich: Cyclecross ist nicht olympisch.