Das vergangene Jahr war in vielerlei Hinsicht anders, auch im Golfsport, obwohl der als Freiluftsport mit viel Abstand noch vergleichsweise gut durch die Krise gekommen ist. Doch dass das traditionell erste und prestigeträchtigste Major-Turnier des Jahres erst im November und ohne Zuschauer ausgetragen wurde, war dann doch eher ungewöhnlich. Heuer nimmt an der Magnolia Lane - es ist zudem das einzige Major, das seinen Schauplatz nicht wechselt - alles wieder seinen gewohnten Lauf. Also: zumindest fast. Denn dass Tiger Woods nicht dabei ist, ist mindestens so ungewöhnlich, wie dass ein Abwesender das Hauptgesprächsthema liefert.

Einen Tag vor dem ersten Abschlag am Donnerstag meldete sich der US-Superstar, der sich im Februar bei einem Horror-Unfall schwere Beinverletzungen zugezogen hat, sich mittlerweile aber wieder zu Hause und auf dem Weg der Besserung befindet, erstmals öffentlich zu den Geschehnissen zu Wort. "In den vergangenen Tagen habe ich erfahren, dass das Los Angeles County Sheriff’s Departement seine Ermittlungen zu meinem Verkehrsunfall am 23. Februar in Los Angeles beendet und abgeschlossen hat", schrieb Woods auf Twitter. Zu den vorangegangen Ausführungen des Sheriffs, wonach stark überhöhte Geschwindigkeit die Unfallursache gewesen sei, äußerte sich Woods aber nicht. Vielmehr drückte er sein Bedauern darüber aus, dass er beim traditionellen Champions Dinner in Augusta nicht dabei sein konnte. Dieses durfte diesmal Dustin Johnson ausrichten, die Ehre obliegt dem Titelverteidiger. Der 36-jährige US-Amerikaner hat sich im November mit seinem Sieg, der - auch das gehört zu den Traditionen, die man wohl nie aufgeben wird - nicht nur mit dem Siegerscheck, sondern auch dem Green Jacket belohnt wurde, einen Kindheitstraum in Grün erfüllt. Schon zuvor hatte Johnson seinen Ruf, mehr Zeit mit Partys als Training zu verbringen, abgelegt, sich 2016 in die Siegerliste bei den US Open eingetragen und Konstanz bewiesen, die ihn nun auch als Weltranglistenersten und damit logischen Anwärter auf einen neuerlichen Titel ausweist.

Geänderte Vorzeichen

Allerdings ist dessen Verteidigung erst drei Golfern gelungen: Jack Nicklaus, Nick Faldo und - da wäre er wieder: Tiger Woods. Der mittlerweile 45-Jährige hat in Augusta nicht nur seinen ersten (1997) und bisher letzten (2019 - nach einem Comeback, das in die Sportgeschichte einging) Major-Titel gefeiert, sondern auch als bisher letzter Spieler 2001 und 2002 zweimal hintereinander gewonnen. In solche Spuren zu treten, werde schwer, weiß Johnson, der 2019 schon Zweiter hinter Woods war - zumal sich der Platz deutlich schwieriger präsentiert als im November. "Die Bedingungen sind definitiv anders", sagt der 36-Jährige. Dem stimmte auch Bernd Wiesberger nach den ersten Trainingsrunden zu. "Die Greens sind härter und deutlich schneller. Ein Umstand, der das Anspielen der Fahnenstangen erschwert", sagte der Burgenländer vor seiner sechsten Teilnahme. Als bestes Ergebnis steht für ihn Rang 22 aus dem Jahr 2015 zu Buche. Ein weiteres Topergebnis wäre freilich auch hinsichtlich der Weltrangliste wichtig, in der Wiesberger nach zuletzt schwankenden Leistungen aus den Top 50 gefallen ist. "Der Blick ist nach den fehlerhaften Golfrunden nach vorne gerichtet", betont er aber. Wäre Extra-Motivation notwendig, könnten auch die Zuschauer dafür sorgen. Denn nachdem im Vorjahr Geisteratmosphäre geherrscht hat, sind Fans nun erlaubt. "Ich freue mich, dass diesmal wieder Fans das Turnier begleiten dürfen und damit wieder so etwas wie Normalität zurückkehrt." Schließlich kann ja beim Traditionsturnier nicht alles immer anders sein.(art)