Professionelle Schuldenmacher wie die Fußballpräsidenten Florentino Perez, Juan Laporta und Andrea Agnelli wird es wenig trösten, aber fragwürdige, allein aus der wirtschaftlichen Not heraus geborene Entscheidungen wie die sogenannte "Super League" haben in der Vergangenheit schon ganz andere Kaliber den Ruf gekostet. Da braucht man nur bei einem Mann nachfragen, der vor kurzem sogar noch glaubte, eine glaubwürdige Alternative zu Joe Biden und Donald Trump als Kandidat fürs Weiße Haus zu sein. 2001 war Howard Schultz, der als Starbucks-Gründer Millionen Amerikaner von den Vorteilen des Genusses absurd überteuerter Heißgetränke überzeugte, bei den Seattle Supersonics eingestiegen, einem trotz weitgehend bescheidener Erfolge seinerzeit als fester Bestandteil der National Basketball Association (NBA) geltendes Franchise. Fünf Jahre später galt der heute 61-jährige als der bestgehasste Mann der größten Stadt des Bundesstaats Washington.

2006 verabschiedeten sich die Sonics, von Schultz nachhaltig in die sportliche wie ökonomische Bedeutungslosigkeit gemanagt, Richtung Oklahoma, wo sie seitdem unter dem Namen City Thunder relativ erfolgreich wirken. Wer in Seattle blieb, waren immerhin die Footballer von den Seahawks ("Beast Mode" Lynch!) und die Baseballer von den Mariners (Ichiro!); aber der Phantomschmerz, den die einst von Größen wie Lenny Wilkens, Gary Payton und Detlev Schrempf geführten Basketballer hinterließen, war seitdem mehr als spürbar. Es ist diese Lücke, die zu schließen sich nun eine Gruppe um den 78-jährigen Private-Equity-Milliardär David Bonderman anschickt. Allerdings nicht auf dem Parkett, sondern auf dem Eis. Ab Oktober 2021 werden sich die Seattle Kraken mit den anderen 31 Teams aus der National Hockey League (NHL) messen. Möglich machte es die Überweisung der letzten Tranche des dafür nötigen Kleingelds. Namentlich 650 Millionen Dollar lassen sich Bonderman, seine Familie – schon jetzt Minderheitseigentümer der formal ungleich traditionsreicheren Boston Celtics – und ihre Partner den Spaß kosten. Das Gespür für Pomp und Symbolkraft bringen sie definitiv mit.

Seattle hat zwar sein Basketball-Team - die Supersonics - verloren. Doch die Kraken sollen im Eishockey an die Erfolge der Metropolitans anschließen, die im Jahr 1917 als erstes US-Team gegen die übermächtigen Kanadier den Stanley-Cup gewannen. - © Getty Images via AFP
Seattle hat zwar sein Basketball-Team - die Supersonics - verloren. Doch die Kraken sollen im Eishockey an die Erfolge der Metropolitans anschließen, die im Jahr 1917 als erstes US-Team gegen die übermächtigen Kanadier den Stanley-Cup gewannen. - © Getty Images via AFP

Hockey-Legende Ron Francis soll sportlichen Erfolg bringen

Am Tag der Bekanntgabe der Betriebsaufnahme flatterte vom Dach der Space Needle, dem seattleschen Äquivalent zum Pariser Eiffelturm (die "Nadel" wurde Anfang der Sechzigerjahre aus Anlass einer Weltausstellung erbaut), eine Flagge mit dem Logo der Kraken. Auch wenn letztere eine Neugeburt sind, kamen ihre Eigentümer und die NFL nicht ohne Tribut an die Vergangenheit Seattles als Eishockey-Stadt aus. Laut führenden Funktionären stellt das Design des großen S auch eine Verbeugung vor den legendären Seattle Metropolitans dar, die als Mitglied der damaligen Pacific Coast Hockey Association im Jahr 1917 als erstes US-Team den Stanley Cup gegen die lange übermächtigen kanadischen Teams gewannen (nur um sieben Jahre später den Weg alles Zeitlichen zu segnen). Während die Bondermans und ihre Partner ein Jahrhundert später die wirtschaftliche Grundlage für einen gelungenen Einstand legen, soll es eine NHL-Legende sportlich richten. Der Kanadier Ron Francis, von 1981 bis 2004 als Centre verlässliche Größe dies- wie jenseits der Grenze bekannt (Hartford Wahlers, Pittsburgh Penguins, Toronto Maple Leafs, Carolina Hurricanes) und von der NHL offiziell als einer ihrer "100 besten Spieler aller Zeiten" geehrt, steht dem Unternehmen als General Manager vor.

Ron Francis (rechts) war von 2014 bis 2018 General Manager der Carolina Hurricanes und soll nun in gleicher Funktion die neu gegründeten Seattle Kraken zum Erfolg führen.   - © Getty Images via AFP / Bruce Bennett
Ron Francis (rechts) war von 2014 bis 2018 General Manager der Carolina Hurricanes und soll nun in gleicher Funktion die neu gegründeten Seattle Kraken zum Erfolg führen.   - © Getty Images via AFP / Bruce Bennett

Eine Aufgabe, für die der 58-Jährige, der mit den Penguins selber zweimal den Stanley Cup stemmen durfte, ebenfalls Erfahrung mitbringt: 2014 bis 2018 füllte er nämliche für die Hurricanes in Raleigh, North Carolina, aus. Die Latte für Francis liegt heute indes nicht nur gefühlt ein bisschen höher als noch vor ein paar Jahren. Seitdem es die Las Vegas Knights in ihrer Debütsaison 2017/18 auf Anhieb in die Endspielserie schafften, sind Schonfristen für NHL-Neulinge praktisch abgeschafft. Die Dankbarkeit der Sportstadt Seattle ist Francis und den Bondermans dennoch gewiss. Ebenso wie die Häme für Figuren wie Perez, Laporta und Agnelli auf der anderen Seite des Atlantik: Während Nordamerikas Profiligen weiter expandieren, bleiben ökonomische und kommunikative Inkompetenz im Sportgeschäft global betrachtet eine von den Europäern dominierte Domäne.