Gut, dass der Präsidentschaftswahlkampf Geschichte ist. Wenn nicht, hätte der neue Bewohner des Weißen Hauses jetzt dank seines losen Mundwerks möglicherweise im Swing State Pennsylvania noch Probleme bekommen. "Die Fans von Philadelphia sind die bestinformierten und die unausstehlichsten. Sie wissen alles. Weißt du, was ich meine? Deshalb bin ich auch immer mit allem einverstanden, was meine Frau sagt." Diese Erkenntnis teilte Joseph Rubinette Biden jr. jüngst unaufgefordert mit der Kundin eines Take-out-Restaurants in der Hauptstadt, während sich er und seine Frau Jill ihr Mittagessen abholten. Letztere wuchs in einem Vorort der "City of Brotherly Love" auf und gilt als eingefleischter Fan der ebendort ansässigen Flyers, die in der National Hockey League (NHL) ihre Arbeit verrichten. Laut eigener Aussage unterstützt sie aber seit jeher auch alle anderen Philadelphia-Teams.

Beim ersten Super-Bowl-Erfolg der Footballer von den Eagles 2017 saß sie ebenso im Stadion wie bei der World Series 2008, als die Baseballer der Phillies zum bisher letzten Mal Champions wurden. Selbst die ungleich unerfolgreicheren 76ers, die auch schon wieder fast vier Jahrzehnte auf den Titel im Profi-Basketball warten, haben einen Platz im Herzen der 69-jährigen College-Professorin. Auch wenn des Präsidenten Kommentar außerhalb Pennsylvanias durchgehend als faktisch korrekt bewertet wurde, entlockte er seiner Frau nur ein Achselzucken. Motto: Was kann schon einer wissen, der zwar in Scranton geboren wurde, aber fast ein halbes Jahrhundert lang im Senat einen Bundesstaat vertrat, dessen Zahl an Erstliga-Mannschaften original null beträgt? Gestern wie heute gilt Delaware nicht eben als Leibesübungs-Mekka. Entsprechend fragten sich anlässlich der Wahl Bidens zu Donald Trumps Nachfolger nicht wenige Amerikaner, welche Rolle der 78-Jährige künftig gegenüber dem Sport an sich einnehmen würde.

Rund drei Monate später haben sie eine Antwort: eine vorsichtige. Dabei hatte die erste diesbezügliche Kontroverse keine Woche begonnen nachdem, er den Amtseid abgelegt hatte. Per "Executive Order" veranlasste Biden - der einst als Schüler und Student Football spielte, bis ihn eine schwere, beim Hürdenlauf erlittene Oberschenkelverletzung aus der Bahn warf -, dass ab sofort von Gesetz wegen kein Transgender-Sportler mehr von der Teilnahme an Frauen-Wettbewerben ausgeschlossen werden darf.

Kein Platz für nuancierte Debatten in den USA

Zum erwarteten Aufschrei der rechten Reichshälfte darüber gesellten sich auch jeglicher Idiotie unverdächtige Stimmen. Martina Navratilova, als 18-malige Grand-Slam-Siegerin eine der besten Tennisspielerinnen aller Zeiten und bekennende Homosexuelle, wünschte sich eine Ausnahmeregelung für den Elitelevel im Frauensport. Nicht zu unrecht gab sie zu bedenken, dass etwa eine Transsexuelle, die als Junge aufgewachsen sei, körperliche Vorteile aus diesem Umstand ziehen würde. Nachdem es im polarisierten Amerika des frühen 21. Jahrhundert für derart nuancierte Debatten aber keinen Platz mehr gibt, durfte sich die lesbische Ikone danach von so zahlreichen wie teils namhaften LGBTQ-Aktivisten der Diskriminierung zeihen lassen. Biden, der die Debatte nicht zuletzt aufgrund des Drucks letzterer losgetreten hatte, hält sich seitdem aus ihr heraus. Immerhin: Im Gegensatz zu seinem Vorgänger weiß er, dass Schweigen öfter Gold ist, als man gemeinhin vermutet.

Während seiner Amtszeit hatte Trump - unter anderem - afroamerikanische Spieler, die sich während der Nationalhymne hinknieten, als "Hurensöhne" beschimpft, Entlassungen von ihm unliebsamen Trainern gefordert, nationale Auszeichnungen an Golf-Spielpartner vergeben und die obersten Vertreter der größten Profiligen derart unter Druck gesetzt, dass sie am Ende ihre Zeit damit verbrachten, ihren Angestellten wie ihren Fans klar zu machen, dass sie nicht die Laufburschen des 74-jährigen Ex-Reality-TV-Stars seien.

Die Gräben reichen bis

in die Sportartikelindustrie

Selbst bei der Sportbekleidung herrschen heute unter aufgeklärten Konsumenten klare Verhältnisse: Wer Trump mag, kauft Under Armour, New Balance oder Adidas. Wer den von ihm gehassten Ex-Quarterback Colin Kaepernick bevorzugt, kauft Nike. Sind derartige Abgrenzungen Resultat der atmosphärischen Störungen der Trump-Jahre, stellen sich für die Biden-Administration sportpolitisch auch ganz konkrete Fragen. Wie geht es weiter mit der "Bill of Rights" der bisherigen Amateur-Sportler der National Collegiate Athletic Association (NCAA), für die sich die nunmehrige Vizepräsidentin Kamala Harris noch als Senatorin eingesetzt hatte und die nämlichen unter anderem das Recht auf Eigenvermarktung sichern soll? Wann werden angesichts der Weigerung von Millionen Amerikanern, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen, die Stadien wieder für alle Zuschauer aufgemacht? Und last but not least: Werden sich die Anhänger Trumps unter den Spielern jener Mannschaften, die einen nationalen Titel gewinnen, ebenso weigern, das Weiße Haus zu besuchen, wie es viele seiner Gegner taten? In den vier Jahren unter dem republikanischen Amtsinhaber gab es etwa keine einzige Basketball-Mannschaft, die seiner Einladung folgte oder eine erbat. Die Voraussetzungen, dass sich das bald ändert, stehen gut. Die Philadelphia 76ers zählen heuer zum Favoritenkreis.