Ein Formel-1-Kalender ohne Monte Carlo - das ist eigentlich unvorstellbar. Und doch ist es 2020 passiert, als zwar die Rennsaison verspätet und mit Geisterrennen auf vielen Traditionsstrecken über die Runden gebracht werden konnte, nur eben nicht im Jetset-Epizentrum Monaco. Corona-bedingt fiel der Klassiker auf dem engen Straßenkurs an der Côte d’Azur aus - das, nachdem der Grand Prix seit 1955 ununterbrochen in der Formel 1 ausgefochten worden war.

Doch auch heuer wird es rund um den 3,337 Kilometer kurzen Kurs weder die alte noch die neue Normalität geben. Das spezielle Flair im Fürstentum mit den Reichen und Superreichen auf ihren sündteuren Jachten muss sich dem Regime des erst langsam aufsperrenden Societylebens unterwerfen. In nackten Zahlen bedeutet dies: In diesem Jahr werden auf den Haupttribünen trotz weiter strenger Corona-Maßnahmen im Fürstentum immerhin 40 Prozent Zuschauer erlaubt sein. Die werden sich - zumindest nach Aussagen von Titelverteidiger und Monaco-Triplesieger Lewis Hamilton, der in lässiger Hose in Camouflage-Optik und mit grünem Mund-Nase-Schutz die Fragen bei der Pressekonferenz beantwortete - aber wie sonst auch in Sachen Überholmanöver beim Rennen am Sonntag (15 Uhr/Servus-TV und Sky) auf eher wenig Spektakel einrichten müssen. Denn am Renngeschehen selbst werde sich im Vergleich zu früher wenig ändern. "Auf der Liste der Rennen, in denen Überholen schwer ist, liegt es außerhalb der Skala", sagte der Mercedes-Pilot am Mittwoch. Für die Fahrer sei das Rennen aber wie eh und je unglaublich - wenn Leitplanken wie Golfbälle auf einen zurasen, kann sich keiner einen Fehler erlauben.

Das gilt freilich auch schon für das Samstag-Qualifying: Denn wer von Fürst Albert den Siegerpokal überreicht bekommen will, braucht vorher fast zwingend einen Startplatz in Reihe eins. Seit einschließlich 2000 gewann 16 Mal ein Fahrer aus der vordersten Formation. Die restlichen vier Sieger hatten es immerhin auch noch auf Startposition drei geschafft.

"Red Bull wird stark sein"

Womit man rasend gespannt sein darf, wie der aktuelle Kopf-an-Kopf-Kampf zwischen Hamilton und Herausforderer Max Verstappen zwischen den Häuserschluchten des Fürstentums ausgehen - und ob es eventuell einen lachenden Dritten - geben wird. Hamilton erwartet jedenfalls einen heftigen Kampf. "Red Bull wird sehr, sehr stark sein an diesem Wochenende."

Im ersten Training am Donnerstag (Freitag ist traditionell Ruhetag) hielten sich die Topfavoriten allerdings noch zurück: Der Mexikaner Sergio Perez im Red Bull markierte im ersten freien Training die schnellste Runde, gefolgt von Carlos Sainz im Ferrari und Perez’ Teamkollegen Verstappen. Die meisten Piloten verzichteten jedoch auf den Einsatz der weichsten Reifenmischung, weshalb die Session wenig Aussagekraft hatte.

Pech hatte Charles Leclerc: Für den 23-Jährigen war der Auftakt zu seinem Heimrennen von kurzer Dauer. Für den zu Hause seit Jahren vom Misserfolg verfolgten Lokalmatador endete die erste Übungseinheit schon nach acht Minuten mit einem Getriebeschaden am Ferrari. "Ich habe hier leider immer ziemlich viel Pech gehabt. Ich hoffe, das ändert sich in diesem Jahr", hatte der in der Heimat noch punktelose Monegasse vor der ersten Ausfahrt gemeint.

Tatsächlich markierte Leclerc am Nachmittag Tagesbestzeit in 1:11,684 Minuten, Zweiter war sein spanischer Teamkollege Sainz (+0,112). Erst dahinter reihten sich Hamilton (+0,390) und Verstappen (+0,397) ein. Damit zeigte sich auch ein weiteres Mal die Aufwärtstendenz der Scuderia Ferrari.

In der WM-Wertung hat Hamilton vor dem fünften Saisonrennen 14 Punkte mehr auf dem Konto als Verstappen. Dieser hat, wie Hamilton, an der Côte d’Azur seinen Wahlwohnsitz, konnte in Monaco aber noch nie gewinnen. Auch einen Stockerlplatz schaffte der 23-jährige Niederländer bisher nicht. Hamilton dagegen gewann zuletzt 2019 (im Trauerflor nach dem Tod von Niki Lauda) - und ist damit eigentlich Titelverteidiger.(may)