Er kam, sah, siegte - und tauchte wie Jules Verne mit der Nautilus wieder unter. Es gibt wohl keinen Grand-Slam-Sieger in der Geschichte des Tennis, über den so wenig bekannt ist wie über den englischen Netzkünstler H. Briggs. Oder hieß vielleicht doch J. Briggs? Wer vermag das schon zu sagen, nachdem von dem Mann nicht einmal Geburts- und Sterbedaten überliefert sind? Ja, selbst das genaue Datum seines ersten und offenbar auch letzten großen Triumphs kennt niemand. Und da reden wir nicht von einer kleinen Meisterschaft, sondern vom Championnat de France - heute besser bekannt als die French Open. Irgendwann im Mai oder Juni 1891, also vor 130 Jahren, fegte der Engländer im Racing Club de France in Paris die präsente französische Konkurrenz vom Platz und reihte sich in die Großen des damaligen Tennis - Wimbledon-Titelverteidiger Willoughby Hamilton oder US-Open-Sieger Oliver Campbell - ein.

Der Grande Nation war Briggs’ Triumph, sofern über ihn überhaupt berichtet wurde, gewiss peinlich, zumal der Ausländer, der da für die "British Isles" antrat, an den nur für französische Athleten reservierten Meisterschaften so eigentlich hätte gar nicht teilnehmen dürfen. Schon bei den 1877 in London und 1881 in Newport (ab 1915 New York) ins Leben gerufenen Schwesterturnieren - die Australian Open in Melbourne starteten erst 1905 - war es die Regel, dass das Feld der Teilnehmer aus dem eigenen Land stammte. Es sei denn, sie waren wie Briggs in einem nationalen Klub aktiv und als "Resident" gemeldet.

Alles begann mit einem Flop

Als also der französische Athletikerverband Union des Sociétés Française des Sports Athlétiques 1891 die ersten französischen Meisterschaften ausschrieb, ließ sich Briggs, der Mitglied des Tennisklubs Stade Français (1883 gegründet) war, nicht lange bitten. Dabei war das Faktum seines Triumphes aus französischer Sicht nicht der einzige Schönheitsfehler bei diesen ersten French Open. Das Turnier wurde, wie man so schön sagt, zum Flop. Lediglich fünf Spieler hatten genannt, auch waren kaum Zuschauer zugegen. Nach einem einzigen Tag war der erste Championnat de France in der Geschichte der Grande Nation auch schon wieder vorbei, was aber nicht bedeutet, dass Briggs’ sportliche Leistung unbedeutend gewesen wäre.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert zählten die Briten nun einmal zu den besten Spielern der Welt. Nicht zufällig geht daher auch die Erfindung des Spiels, seiner Regeln und des Rasenbelags auf Walter Clopton Wingfield, einen englischen Major, zurück. Sein Konzept des Sphairistike-Spiels, wie er sein Lawn-Tennis zunächst nannte, sollte bald auf der ganzen Welt Nachahmer finden - auch in Frankreich, wo bereits Mitte des Jahrhunderts die ersten Rasenplätze angelegt wurden. Das Spielen auf Sand, also einem mit Ziegelmehl aufbereiteten Boden, kam erst im frühen 20. Jahrhundert - wieder in England - auf; und zwar als Alternativbelag zum Rasengras etwa, wenn dieser während des Sommers allzuschnell austrocknete.

Was nur wenige wissen: Bis 1928 wurden die French Open alternierend in den Courts von Stade Français und Racing Club - zunächst auf Rasen - gespielt. Erst mit dem Wechsel in das neue, bis heute genutzte Tennisstadion nahe Porte d’Auteuil im 16. Arrondissement blieb man bei dem Belag, der für Frankreich so kennzeichnend ist und im Französischen als "terre battue" (rote Asche) bekannt ist. Am 19. Mai 1928 wurden die Spielfelder durch einen Länderkampf der Damen eröffnet. (Bei den French Open zugelassen sind Frauen übrigens erst seit 1897, obgleich die Schar der Teilnehmerinnen damals ähnlich überschaubar war wie bei den Herren 1891.)

Kampfpilot als Namensgeber

Benannt ist der aus mehreren Plätzen bestehende Komplex nicht etwa nach einem Sportler, sondern einem französischen Kampfflieger des Ersten Weltkriegs - Roland Garros. 1888 in der französischen Kolonie Reunion geboren, war er zwar in seiner Jugend als Fußballer und Radsportler aktiv, wirkliche Berühmtheit erlangte er aber erst als Sport- und Feldpilot. So nahm er nicht nur an zahlreichen Flugkonkurrenzen teil, sondern überquerte auch als erster Pilot 1913 in einem achtstündigen Flug das Mittelmeer.

Während des Weltkriegs machte er sich durch mehrere Abschüsse sowie die Erfindung eines Unterbrechergetriebes, das ein Feuern durch den Propeller ermöglichte, einen Namen. Im Oktober 1918, wenige Tage vor Kriegsende, starb Garros, abgeschossen von einem deutschen Jagdflieger, den sogenannten Heldentod. Diesen nahm man zehn Jahre später zum Anlass, um Garros mit dem Tennisstadion ein Denkmal zu setzen.

Allein der Name brachte den französischen Athleten kein Glück. 1932 holte Henri Cochet als für längere Zeit letzter Franzose den Pariser Titel, lediglich Marcel Bernard (1946) und Yannick Noah (1983) gelang später noch einmal die Kür zum Sieger.

Geprägt wurde der Begriff Grand Slam übrigens vom US-Journalisten John Kieran, der ihn dem englischen Kartenspiel Bridge entlieh, bei dem ein Grand Slam (deutsch: Ausschlag) den Gewinn aller Stiche für eine Partei bedeutet. Anlass gaben die Seriensiege des Australiers Jack Crawford, der in der Saison 1933 die Australian und French Open sowie Wimbledon gewonnen hatte. Wenn Crawford nun auch noch die US-Meisterschaft gewänne, schrieb Kieran in der "New York Times", wäre dies wie ein Grand Slam auf Tennisplätzen. Allein Crawford verlor das US-Open-Finale, und der erste Grand Slam ging 1938 an den US-Amerikaner Don Budge.

Nun waren Crawford und Budge nicht die einzigen Top-Spieler. Stärke zeigten in den 1930er Jahren vor allem auch die Deutschen, die mit Gottfried von Cramm (1934, 1936), Henner Henkel (1937) und Hilde Sperling (1935, 1936 und 1937) gleich mehrere French-Open-Sieger hervorbrachten. Eine interessante Figur gab nach dem Zweiten Weltkrieg hingegen der Tschechoslowake Jaroslav Drobny ab. Nachdem er sich sein Tenniswissen als Ballbursche selbst angeeignet hatte, stand er zwischen 1946 und 1952 fünf Mal im Finale und holte zwei Titel. Weil er sich nicht dem politischen Druck seines mittlerweile kommunistischen Heimatlandes beugen wollte, ergriff er 1949 während eines Turniers im Schweizer Gstaad die Flucht und trat fortan für Ägypten an. Er gilt damit als der erste "Araber", dem ein Grand-Slam-Sieg gelang. Die 1960er Jahre wiederum dominierten die Australier, die 1970er und 1980er Jahre die Schweden Björn Borg und Mats Wilander (mit neun Titeln).

Sandplatzkönig Rafael Nadal

Aus heimischer Perspektive werden die French Open freilich mit dem Gewinn von Thomas Muster 1995 in Zusammenhang gebracht. Landsmann Dominic Thiem stand hier 2018 und 2019 im Finale, musste sich aber jeweils dem Sandplatzkönig Rafael Nadal geschlagen geben. Überhaupt ist Nadal neben Roger Federer mit 20 Titeln der erfolgreichste Spieler der Geschichte. Allein 13 Triumphe fuhr er in Roland Garros ein, und er kommt, sieht und siegt noch immer. Ob ihm der Name G. Briggs geläufig ist? Vielleicht. Dabei haben beide etwas gemeinsam: Sie gelten in Paris als Mythos - jeder auf seine Weise.