Was genau ist eigentlich passiert in diesen viereinhalb Stunden, in denen Dominic Thiem schon zum Auftakt der French Open gegen Pablo Andujar eine 2:0-Satzführung verspielt und beim 6:4, 7:5, 3:6, 4:6, 4:6 seine erste Erstrundenniederlage in Paris überhaupt erlebt hat? Thiem weiß es selbst nicht so genau. Und was wird, was soll nun passieren? Auch das ist noch nicht ganz klar.

"Ich habe noch keine Ahnung, muss überlegen wegen der Rasensaison. Dann werde ich entscheiden, ob ich die vielleicht früher angehe. Jetzt muss ich erst einmal die Niederlage verdauen", meinte der Niederösterreicher, dessen großes Ziel nach zwei Finalteilnahmen in Roland Garros (2018 und 2019) sowie dem Sieg bei den US Open im Vorjahr auch der Coup in Paris bei seinem Lieblingsturnier gewesen war. Hatte er sich in Übersee im Vorjahr noch positiv überrascht, trat nun der umgekehrte Fall ein. Schlaflos in New York, ratlos in Paris sozusagen.

Dass er sich seit dem damaligen Triumph nicht steigern konnte, sondern gar - wenn auch auf hohem Niveau sowie einigen Teilerfolgen wie dem Masters-Finale sowie dem Halbfinale in Madrid vor einigen Wochen - mittelfristig in eine Krise samt Motivationsproblemen und einer Auszeit schlitterte, hätte er so nicht erwartet. "Ich erwarte ein bisserl von mir, dass ich ab jetzt die ganz großen Turniere und ganz großen Matches mit mehr Lockerheit angehe und noch besser spielen kann", hatte er damals zu Protokoll gegeben.

Doch beinahe das Gegenteil ist eingetreten, gezeichnet vom Schock der Niederlage ging er unmittelbar nach dem Match hart mit sich ins Gericht. "Vorhand Katastrophe, Rückhand Katastrophe, alles verkrampft, nicht locker genug. Erster Aufschlag zu verkrampft, somit fehlt das Percentage, und es fehlen ein paar km/h", analysierte er.

Generell habe er viel zu defensiv gespielt. "Ich bin da in richtig schlechte Muster zurückgefallen heute. Das ist natürlich schwer zu verstehen." Die siebenwöchige Pause sei dennoch richtig gewesen, auch das Training hätte ihn zuversichtlich gestimmt.

"Schwerer als erwartet"

Davon, in einer Art Panikreaktion nun alles in Frage zu stellen, hält Thiem daher nichts. "Ich denke, dass ich das Ruder selbst herumreißen muss. Und dass die Leute, die ich habe, bestens dafür geeignet sind, mir dabei zu helfen." Dass es in den Matches noch "schwerer als erwartet hapert", räumte der Niederösterreicher allerdings ein. "Das ist natürlich schwer zu verstehen." Sein Weg zurück? "Eine Mischung aus viel Training und auch Matches, damit ich wieder an meine Bestform rankommen kann."

Dass nun die Rasensaison ansteht, mag nicht unbedingt hilfreich sein. Allerdings hatten in den vergangenen Jahren die so erfolgreichen Paris-Auftritte ein gewisses Durchatmen in der kurzen Rasensaison erfordert. Dass Thiem aber auf Gras auch ausgezeichnet spielen kann, hat er schon bewiesen: 2016 holte er in Stuttgart als bis dato einziger Österreicher einen ATP-Rasen-Titel, 2017 hätte es in Wimbledon noch weiter als bis ins Achtelfinale gehen können. Damals scheiterte er in der Runde der letzten 16 knapp in fünf Sätzen an Tomas Berdych. Für das Turnier in Stuttgart, das dieses Jahr wegen der Corona-Pandemie in der zweiten French-Open-Woche stattfindet, hatte Thiem freilich nicht genannt. Möglicherweise ändert er nun seine Meinung. Der Mercedes Cup in Stuttgart wird von "emotion" veranstaltet, also seinem Manager Herwig Straka. Nach dem Match wollte er darüber noch nicht sprechen, die Niederlage stand im Vordergrund. "Ich hatte schon früher frühe Niederlagen", meinte er. "Aber hier ist es besonders eigenartig."(apa/art)