Es war schon vor dem ersten Bully eine nicht ganz gewöhnliche Eishockey-WM, die sich dieser Tage in Riga zu Ende neigt. Und sie war auch deshalb außergewöhnlich, weil ihre Außergewöhnlichkeit ausnahmsweise nur am Rande mit der Pandemie zu tun hat, die seit mehr als einem Jahr den Sportbetrieb allerorten durcheinanderwirbelt. Dass ein Schauplatz - Minsk - gestrichen wurde, lag vielmehr an den Unruhen in Weißrussland, die auch während der WM Thema waren, als etwa die Stadt Riga aus Solidarität mit den Protestierenden in Weißrussland Fahnen der dortigen Oppositionellen aufhing.

Schließlich durfte aber doch der Sport das Wort übernehmen, wobei sich schon bald die ersten kleineren und größeren Überraschungen einstellten. Das vorzeitige Aus der Schweden gehört sicher zu letzterer Kategorie, der Halbfinaleinzug der Deutschen auf den ersten Blick vielleicht zu ersterer.

Zwar warten die Deutschen schon seit 1953 auf eine Medaille und haben seit 2010 kein WM-Halbfinale mehr erreicht; Olympia-Silber in Pyeongchang war aber bereits als Zeichen eines Aufschwungs gedeutet worden.

Und doch umweht das Team des Finnen Toni Söderholm, der es im Halbfinale am Samstag (17.15 Uhr) mit der Auswahl seines Heimatlandes zu tun bekommt, ein neuer Geist in diesen Tagen in Riga. Schon davor hatte man, ziemlich vollmundig für eine Mannschaft, die bei Weltmeisterschaften schon lange keine großen Erfolge aufzuweisen hat, vom Titel gesprochen, nun will man auch vor dem regierenden Weltmeister nicht kapitulieren.

Mit Können und Kampf

Vorteil könnte sein, dass Söderholm, als Aktiver 2007 selbst mit Finnland Vizeweltmeister, den Gegner in- und auswendig kennt und seiner Mannschaft eine neue Gewinnermentalität eingeimpft hat. "Eishockey-Deutschland sollte sich darauf vorbereiten, dass es keine außergewöhnliche Situation ist, wenn man Kanada oder eine andere Topnation schlägt. Die Zeit ist nicht weit weg, dass das das neue Normal wird", meinte er während des Turniers, als man sich eben über Kanada hinweggesetzt hatte.

 

Toni Söderholm kennt den Halbfinalgegner Finnland in- und auswendig. - © afp / Gints Ivuskans
Toni Söderholm kennt den Halbfinalgegner Finnland in- und auswendig. - © afp / Gints Ivuskans

Allerdings hatte die Sache bei dieser WM auch einen Haken: Denn dem Erfolg gegen die Kanadier, die im zweiten Halbfinale das Prestigeduell mit der bisher glänzenden US-Equipe bestreiten, stehen drei Niederlagen gegenüber; ehe sich die Deutschen zuerst im entscheidenden Spiel um den Viertelfinal-Einzug gegen Gastgeber Lettland und danach knapp im Penaltyschießen gegen die Schweiz durchsetzen konnten.

Auch im Duell mit dem großen Rivalen - manche mögen sich noch an das Viertelfinale 2010 erinnern, das nicht nur ebenfalls mit einem deutschen Sieg, sondern auch einer Riesenschlägerei endete - lag das DEB-Team bereits mit 0:2 zurück. "Die Jungs haben Super-Moral bewiesen", sagte Routinier Tom Kühnhackl danach.

Doch Moral ist das eine, Technik, Schnelligkeit, Effizienz und Abgebrühtheit sind andere Attribute, die es braucht, um in den entscheidenden Turnierphasen zu bestehen. An letzteren beiden könnte es noch hapern, wenn es tatsächlich um die Medaille - oder mehr - geht; in puncto Technik und Tempo haben die Deutschen aber aufgeholt.

Nicht zuletzt dafür verantwortlich ist eine neue Generation, die gerade nach oben drängt; bei der WM spielten sich etwa die beiden 19-jährigen Lukas Reichel und John-Jason Peterka sowie vor allem der ein Jahr ältere Moritz Seider, in der schwedischen Liga gerade erst als bester Verteidiger ausgezeichnet, ins Rampenlicht. In Bestbesetzung ist Deutschland übrigens - wie allerdings andere Mannschaften auch - nicht angetreten. Leon Draisaitl, 2020 Most Valuable Player der NHL, konnte nach dem Play-off-Aus der Edmonton Oilers nicht rechtzeitig anreisen. Er wird die Daumen drücken, wenn die WM sich in ihrer allerletzten Phase befindet. So oder so wird sie als eine außergewöhnliche in die Geschichte eingehen - auch für die deutsche Mannschaft.