Eishockey-Weltmeisterschaften fielen ja schon immer aus dem Rahmen. Ob erschwerte äußere Umstände, kuriose Spielergebnisse, technische Pannen oder ein Überraschungssieger - langweilig wurde Anhängern (wie Sporthistorikern) in der mehr als 100-jährigen Geschichte dieses Turniers bisher kaum. Und so wird auch die am Wochenende zu Ende gegangene Eishockey-WM im lettischen Riga auf ihre Weise in die Geschichtsbücher eingehen. Als das erste Turnier, das während einer globalen Pandemie abgehalten wurde, zum Beispiel - denn: Als 1920 im Rahmen von Olympia in Antwerpen die erste WM ausgetragen wurde, war die Spanische Grippe wieder am Abklingen.

In Erinnerung bleiben wird diese WM gewiss auch wegen des Rauswurfs von Gastgeber Weißrussland, dessen Diktator zuvor Demonstrationen hatte niederschlagen lassen und zuletzt sogar mit der "Kaperung" einer Linienmaschine für heftige internationale Verstimmungen sorgte - auch auf dem Eis. So ließ etwa das Gastgeberland Lettland bei den Spielen der weißrussischen Mannschaft die rot-grüne Flagge des Regimes einziehen und durch das weiß-rote Banner der Opposition ersetzen, worauf Minsk wiederum alle lettischen Diplomaten des Landes verwies.

Dabei feierte in Riga nicht nur der Kalte Krieg, sondern auch das Team Kanada, das historisch erfolgreichste Eishockey-Nationalteam der Welt, ein fulminantes Comeback. Noch nie waren die seit 2016 titellosen Nordamerikaner derart schlecht in eine Weltmeisterschaft gestartet, und dennoch schafften sie das Kunststück, sich ins Finale vorzuarbeiten und Titelverteidiger Finnland 3:2 nach Verlängerung zu bezwingen. Dass dieser Triumph mit einer erfolgreichen Revanche für die Endspielniederlage beim jüngsten WM-Turnier 2019 - damals zog Kanada in Bratislava gegen Finnland mit 1:3 den Kürzeren - versüßt wurde, kommt als besonderes Goodie hinzu. "Als der Kader bekannt wurde, haben sie uns keine Chance gegeben", jubelte etwa Finaltorschütze Maxime Comtois und wollte bei der anschließenden Kabinenparty den Pokal erst gar nicht wieder loslassen. "Manche haben gesagt, wir seien nicht gut, wir seien Kanadas C-Team. Dann sind wir 0:3 gestartet. Alle haben angefangen, uns abzuschreiben."

Warum auch nicht? Mit drei Niederlagen war der Weltranglisten-Erste gestartet. So schlecht wie noch nie. Noch nie hatte ein Team mit einem solch schwachen Auftakt Gold geholt. Noch nie habe eine Nation mit insgesamt vier Pleiten triumphiert, teilte der Weltverband mit. "Wir haben allen bewiesen, dass sie falsch lagen. Wir haben gutes Eishockey gespielt, als es darauf ankam", sagte Comtois. Tatsächlich hat dieser Triumph bestätigt, dass die Kanadier aus einem Talentepool schöpfen können.

Freilich, etwas Glück spielte auch mit: So war Kanada zum Schluss der Gruppenphase darauf angewiesen gewesen, dass es in der Partie zwischen Deutschland und Lettland einen Sieger nach 60 Minuten gab. Nur weil Deutschland 2:1 gewann und die Kasachen gegen die ausgeschiedenen Norweger verloren, kam Kanada weiter. Dann siegte Kanada gegen Russland, den Erzrivalen USA und Titelverteidiger Finnland. In der Verlängerung erzielte Ottawa-Stürmer Nick Paul (67.) auf Vorlage seines Teamkollegen Connor Brown den Siegtreffer.

USA deklassieren Deutschland

Für Kanada ist es der insgesamt bereits 27. Titel. Damit liegt es in der ewigen WM-Bestenliste mit Russland auf dem ersten Rang. Die Finnen hingegen halten weiterhin bei insgesamt drei Trophäen. Noch in der Gruppenphase hatten sie sich mit 3:2 nach Penaltyschießen gegen den späteren Weltmeister behauptet und im Semifinale Deutschland bezwungen, während die gerade noch in die K.o.-Phase gekommenen Kanadier gegen die USA mit 4:2 erfolgreich waren. Zuvor hatten sie im Viertelfinale Russland ausgeschaltet. Platz drei ging übrigens nach einem 6:1-Kantersieg gegen Deutschland an die USA. Die Deutschen müssen also weiter auf ihre erste WM-Medaille seit 1953 warten.(rel/apa)