Roger Federer und Naomi Osaka: vorzeitig von den French Open zurückgezogen. Osaka: zusätzlich kein Antreten in Wimbledon. Dominic Thiem: Verzicht auf die Olympischen Spiele. Und Rafael Nadal: weder London noch Tokio. Im internationalen Tennis häufen sich die Absagen der Topspieler nun nicht mehr wie früher für kleinere Veranstaltungen (für die es ohne gute Begründung empfindliche Strafen gibt), sondern auch für die ganz großen Turniere. Alle der Genannten haben dafür unterschiedliche Gründe, eines aber eint sie: Die Prioritäten werden neu gesetzt.

Sind es bei Federer und Nadal (körperlich nach eineinhalb Jahrzehnten auf der Tour) sowie Osaka (psychisch) gesundheitlich bedingte Gründe, die sie zu Pausen zwingen, will Thiem den Fokus nach einer mehr als durchwachsenen ersten Saisonhälfte sowie dem enttäuschenden Erstrundenausscheiden in Paris neben Wimbledon auf gutes Training sowie seine Titelverteidigung bei den US Open in New York richten.

Nach einer kurzen Pause will der in der Weltrangliste auf Rang fünf zurückgerutschte Niederösterreicher in der kommenden Woche auf Mallorca auf die Tour zurückkehren und sich bei dem neu geschaffenen 250er-Rasenturnier für Wimbledon einschlagen.

"Paris war halt nicht sonderlich. Aber daraus eine Tragödie zu machen, halte ich für überzogen."

Thiem-Vater Wolfgang

In der Pause hat er auch sein Team zumindest geringfügig neu strukturiert. Die Management-Agenden von Herwig Straka, der die Zusammenarbeit aufgrund seiner vielfältigen Engagements beendet hatte - beide Seiten betonten, dass die zeitliche Koinzidenz mit dem Paris-Ausscheiden rein zufällig war - übernimmt ab sofort Galo Blanco. Der Spanier ist bei der von Gerard Pique gegründeten, von Rakuten finanziell unterstützten und den neuen Daviscup veranstaltenden Firma Kosmos engagiert, er hat Thiem bereits 2018 als Touring-Coach betreut.

Trainiert wird der Österreicher aber weiter von Nicolas Massu sowie seinem Vater Wolfgang, der sich bemüht, die Leistungen in der ersten Saisonhälfte in ein anderes Licht zu rücken, als diese öffentlich bisweilen wahrgenommen worden sind. "Die bisherige Saison war sicher durchwachsen", räumt er ein. "Aber Dominic war im Semifinale von Madrid und im Achtelfinale in Australien, das ist ja nicht so schlecht. Das Match in Lyon war nicht sonderlich aufregend und Paris halt auch nicht. Aber daraus so eine Tragödie zu machen, halte ich für überzogen. Er muss nur in die Spur finden, den Fokus finden."

Mallorca sei dafür aufgrund der Rahmenbedingungen sowie des geringen Aufwands bei einer späten Anreise nach London ideal - Olympia in Japan ist es, relativ kurz vor den US Open ab 30. August freilich nicht unbedingt. Er habe "die sehr schwere Entscheidung" treffen müssen, "von einer Teilnahme bei den Olympischen Spielen Abstand zu nehmen", erklärt Thiem auf Social Media.

"2021 hat nicht so begonnen, wie ich erwartet habe. Ich fühle mich nicht bereit, in Tokio mein Bestes Tennis zu zeigen. Ich habe die vergangene Woche hart trainiert, meine Kondition und Konzentration beginnen sich zu verbessern. Mein Ziel ist es, in den kommenden Wochen hart zu trainieren, mein Bestes in Wimbledon zu geben, weiter zu trainieren und hoffentlich meinen Titel bei den US Open zu verteidigen", schreibt Thiem.

Tatsache ist aber auch, dass Olympia im Tennis bei weitem nicht denselben Stellenwert hat wie in anderen Sportarten. Schon die Spiele 2020 hatte Thiem nicht auf seiner Liste, damals wegen des Kitzbühel-Turniers. Aufgrund der Verschiebung um ein Jahr war diese Entscheidung vorerst obsolet geworden - bis jetzt. In Japan gelten aufgrund der Pandemie strenge Regeln für die Sportler, die Thiem - wie andere Topspieler - bereits in der Vergangenheit kritisiert hatte.

Damit will er die Absage aber nicht in Zusammenhang sehen, und schließlich ist er nicht der einzige, der sich seine Einsätze genau aussucht. Frag nach bei Rafael Nadal, Roger Federer, Naomi Osaka. Die Zeiten, in denen Tennisspieler jedes mögliche Turnier mitnehmen, sind endgültig vorbei. Das mag diese auf den ersten Blick entwerten, Fans verärgern. In Hinblick auf die Halbwertsdauer der Karriere ist es aber offenbar nur konsequent.