Die im Vorfeld aufgebaute Spannung war beim Großen Preis der Steiermark bald dahin. So deutlich wie noch nie in dieser Saison fuhr Red-Bull-Überflieger Max Verstappen seinem Mercedes-Widersacher Lewis Hamilton in Spielberg davon. Und das dürfte sich laut Hamilton auch beim Grand Prix von Österreich am Sonntag, dem zweiten Rennen in Spielberg in dieser Saison, auch nicht ändern. "Sie sind einfach schneller", sagte der Formel-1-Weltmeister aus England.

Teamchef Toto Wolff bestätigte, dass Mercedes die Weiterentwicklung des Autos praktisch eingestellt habe. "Diese Meisterschaft ist noch lange nicht verloren", glaubt der Wiener dennoch. "So einen souveränen Sieg mit einer derartigen Leichtigkeit herauszufahren, das war schon angenehm", jubilierte Red-Bull-Berater Helmut Marko am Sonntag. "Die Balance des Wagens war die beste in der ganzen Saison", sagte auch Verstappen nach seinem 14. Grand-Prix-Erfolg. Nach seinem vierten Saisonsieg führt der Niederländer die Fahrer-WM mit 18 Zählern Vorsprung vor Hamilton an. In der Konstrukteurswertung liegt Red Bull 40 Punkte vor Mercedes.

"Straight-line speed", also die Geschwindigkeit auf langen Geraden, ist für Hamilton der Kern der Frage, warum die silbernen Trophäensammler derzeit offenbar nichts ausrichten können. "Wir wissen nicht, ob das die Flügel sind, wie Max sagt, oder der Motor. So oder so waren sie viel zu schnell", sagte der siebenmalige Champion. Wie Chef-Ingenieur Andrew Shovlin zugab, dürfte sich Mercedes in Spielberg auch beim Setup vertan haben. Hamilton bettelte quasi vor der Weltöffentlichkeit um technische Upgrades - wohlwissend, dass diese sich mit der Grundsatzentscheidung seines Rennstalls schwer vereinbaren lassen. Denn Wolff stellte klar: "Wir stehen voll dazu, dass wir sagen, wir müssen aufs nächste Jahr schauen."

Neue Aerodynamik-Regeln machen für die Zeit ab 2022 einen radikalen Umbau des Autos nötig - und fordern einen entsprechend intensiven Einsatz von Ressourcen. "Fast jeder kümmert sich schon um das nächstjährige Auto. Es gibt nur ein paar Ausreißer wie Red Bull." Bei Red Bull Racing wird noch entwickelt und laufend die Aerodynamik verbessert. "Ja, wir verbessern unser Auto jedes Rennen, was in meinen Augen sehr wichtig ist. Denn wir haben eine große Chance, eine gute Saison zu haben. Gleichzeitig vertraue ich unseren Leuten im Team, dass auch der Fokus für nächstes Jahr bei hundert Prozent ist", sagte Verstappen. Den Motor leistungsmäßig weiter zu verbessern, ist in dieser Saison regeltechnisch nicht zulässig. Zusätzlich bremst die Kostenobergrenze die Teams ein. "Nur mit Aero-Teilen wirst du die Meisterschaft aber nicht gewinnen", steht für Wolff fest. Außerdem erwartet er früher oder später einen Philosophiewandel: "Die werden auch nicht bis September neue Teile bringen, weil dann würden sie nächstes Jahr zwei Sekunden hinten liegen."

Es würden gewiss noch Strecken kommen, die Mercedes besser liegen. "Wir werden also in diesem Jahr noch Rennen gewinnen. Wir werden sehr hart für jedes gute Ergebnis kämpfen", betonte der 49-Jährige. Ein wenig fühlte sich Wolff auf Nachfrage aber bereits an das Jahr 2013 erinnert, als Mercedes frühzeitig alle Konzentration auf die Entwicklung des Turbo-Hybrid-Motors legte - mit bekanntlich großem Erfolg (alle WM-Titel ab 2014 bis 2020). Dadurch gewann allerdings Red Bull in Person von Sebastian Vettel die letzten neun Rennen der Saison und beide Wertungen. "Es ist sicher vergleichbar. Es ist so ein radikaler Reglementschritt, in dem Fall nicht beim Motor, sondern dem Chassis. Aber das wird sich erst in vielen Jahren zeigen, was die richtige Entscheidung war", sagte Wolff.

Die unmittelbare Zukunft ist freilich schon in wenigen Tagen erneut der Red Bull Ring im steirischen Murtal. Red Bull Racing und Verstappen werden der Favoritenrolle bis zum Sonntag kaum entwischen können. "Es wird eine super Atmosphäre sein. Wichtig ist, dass wir jetzt das Momentum mitnehmen", meinte Teamchef Christian Horner. "Die Strecke bleibt gleich, die Autos bleiben gleich. Das Einzige, was sich ändert, sind die Reifen. Und ich gehe davon aus, dass die weichere Mischung uns noch eher entgegenkommen müsste", sagte Marko.