Wahre Champions gehen regelmäßig dorthin, wo’s wehtut: Eine banale Sportweisheit, die trotzdem gestern wie heute nichts an Wahrheitsgehalt eingebüßt hat. Am Dienstagnachmittag 6 Uhr Ortszeit (2 Uhr morgens MESZ) treffen sich in der Phoenix Arena zum ersten von maximal sieben Malen die Milwaukee Bucks mit den dort heimischen Suns, es gilt den NBA-Meister 2021 auszuschnapsen.

In den ersten zwei Spielen genießen die Männer aus Arizona Heimvorteil, dann geht es nach Wisconsin. Auch wenn es die Teilnehmer und ihre Fans anders sehen mögen, ist es weniger ein Duell zweier Mannschaften, die im Laufe der regulären Saison mit überragenden Leistungen hervorstachen als eines derer, die am klügsten mit ihren körperlichen Ressourcen Haus hielten.

Zwischen dem Triumph der Los Angeles Lakers in der schon jetzt legendären "Corona Bubble" in Disney World und dem Anpfiff der Saison 2020/21 Mitte Dezember vergingen nur knapp zwei Monate. Nach schon damals einhelligem Urteil nicht befangener Mediziner viel zu wenig, um die geschundenen Körper rechtzeitig so zu regenerieren, dass sie schadlos eine mindestens 72 Spiele dauernde Spielzeit überstehen, geschweige denn eine ausgedehnte Play-off-Phase. Entsprechend gab es schon bald praktisch keinen einzigen namhaften Basketballer mehr, der nicht mindestens einmal, wenn gar nicht ganz, aussetzen musste. Die Liste der Lazarett-Bedürftigen, die sich bis Ende Juni ansammelten, liest sich heute wie die Aufstellung zu einem NBA-Allstar-Game: LeBron James (Lakers); Kawhi Leonard (LA Clippers); James Harden und Kyrie Irving (Brooklyn Nets); Donovan Mitchell (Utah Jazz); Jaylen Brown (Boston Celtics); Jamal Murray (Denver Nuggets) - um nur ein paar der Bekanntesten zu nennen.

Wer angesichts dieser Misere vorschnell urteilt und mit dem Finger auf gierige Teambesitzer zeigen will, sollte indes bedenken, dass ohne die Spielergewerkschaft gar nichts geht in der NBA - und weil letztere dem Terminplan von Commissioner Adam Silver zustimmte, der die Finals unbedingt noch vor dem Beginn der Olympischen Spiele in Tokio beendet sehen wollte, dürfen sich ihre Mitglieder auch nicht wirklich beschweren. Obwohl auch nicht von Schmerzen verschont - Bucks-Star Giannis Antetokounmpo (Spitzname "Greek Freak", weil griechischer Staatsbürger nigerianischer Abstammung und sage und schreibe zwei Meter und elf Zentimeter groß) tat sich im Conference Final gegen die Atlanta Hawks am Knie weh, Suns-Veteran Chris Paul plagen Bänderdehnungen in der Wurfhand - waren es am Ende die Teams aus Milwaukee und Phoenix, die noch halbwegs aufrecht gehen konnten. Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Ausdauer und Belastbarkeit Pauls.

Für die Suns wäre der Titelgewinn eine Premiere

Mit zarten 36 Jahren gilt der Point Guard der Suns immer noch als einer der besten seiner Zunft. Seine Karriere startete er Mitte der Nullerjahre bei den New Orleans Hornets (heute Pelicans), weitere Stationen bildeten die Clippers, die Houston Rockets und die Oklahoma City Thunder. Als Paul im vergangenen Jahr bei den Suns anheuerte, hielten ihn gar nicht wenige der professionellen Beobachter in Funk und Fernsehen für ein Auslaufmodell. Pauls Antwort: konstant ausgezeichnete Leistungen, die ihm eine Einladung ins All-Star-Team einbrachten, und der nunmehrige Einzug in die Finalserie. Um nicht im selben Topf wie andere, ungleich prominentere Aushängeschilder der NBA-Geschichte zu landen, mit denen er bisher das gleiche Schicksal teilt - viel Anerkennung, viel Geld, aber kein Meistertitel (schlag nach bei Ewing, Patrick, Barkley, Charles, Nash, Steve, Malone, Karl, oder Stockton, John) - wird er in den kommenden Wochen mit den Suns mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit an die absolute Schmerzgrenze gehen müssen.

Die Bucks werden derweil von den meisten Buchmachern favorisiert, wenn auch nur leicht. Zu verdanken haben sie das zuvorderst ihrer in den Play-offs verrichteten Arbeit, Milwaukee warf nacheinander Vorjahresfinalist Miami Heat (4:0!), die Brooklyn Nets und die Hawks aus dem Bewerb. Die Suns entledigten sich derweil in der K.o.-Phase kaum weniger namhafter Gegner, ihr Weg in die Endspielserie ist gepflastert mit den Logos der amtierenden Meister Lakers (4:2!), sowie mit denen der Nuggets und der Clippers. Für die Suns, die der NBA seit 1968 angehören, wäre der Triumph eine Premiere, sie haben das Championat original noch nie gewonnen.

Den exakt gleich alten Bucks ist dieses Schicksal erspart geblieben, wiewohl sich an ihren letzten und bis heute einzigen Titelgewinn auch bald niemand mehr erinnern kann, der noch am Leben ist und in Milwaukee wohnt. Sollte sich die Serie über sieben Spiele ziehen, eine angesichts der Ausgeglichenheit der Kader realistische Option, wäre der 22. Juli der letzte Termin. Austragungsort wäre dann wieder Phoenix.

Für Spieler, die auch für die USA in Tokio dabei sein möchten, würde das ein bisschen gar eng werden: Die Olympischen Spiele in Japan beginnen tags darauf.