Kraftlos trabt Roger Federer über den heiligen Rasen in Wimbledon. 3:6, 6:7, 0:6 lautete das Endresultat gegen den stark aufspielenden Polen Hubert Hurkacz. Die Messe war aber schon vorzeitig gelesen - das gab der "Maestro" auf einer anschließenden Pressekonferenz auch ehrlich zu: "Die letzten Spiele, wenn dir klar ist, dass du nicht mehr zurückkommst. So eine Situation bin ich nicht so gewohnt, besonders nicht hier." Ein ernüchterndes Urteil des tief enttäuschten Wimbledon-Rekordsiegers über die vielleicht letzten Momente seiner Karriere.

"Ich weiß nicht, ob ich nächstes Jahr in Wimbledon spielen werde", gab Federer offen zur Kenntnis. Ein Satz, den man sich vom Rekordsieger ob seines fortgeschrittenen Tennisalters schon seit Jahren erwartet. Entgegen den Erwartungen zahlreicher Kritiker und Experten kündigte sich der Schweizer aber immer für das nächste Jahr an - bis eben jetzt. Federers restliche Statements ließen ebenfalls auf einen unterschwelligen Abschied deuten. Er sei glücklich, dass er nach seiner schweren Verletzung überhaupt in seinem Wohnzimmer Wimbledon spielen konnte und so weit gekommen sei. Außerdem müsse er schauen, was er tun könne, um ein besserer Spieler und wettbewerbsfähiger zu sein. Also vielleicht doch noch eine kleine Spalte in der Hintertür in Richtung Weitermachen? Ob Federer bei dem in zwei Wochen beginnenden Olympiaturnier in Peking aufschlägt, ließ er ebenfalls offen. Nach einer intensiven Rasensaison und seinem anstehenden 40. Geburtstag darf dies stark bezweifelt werden.

Fast schon pathetische Parallelen gibt es zwischen den zwei erfolgreichsten Tennisspielern aller Zeiten: Federer und Serena Williams. Gemeinsam kommen die beiden auf unglaubliche 43 Grand Slam-Titel. Neben ihrem gleichen Alter und ähnlichen Werdegängen verbinden die zwei aber auch die Rückschläge, die sie in den vergangenen Jahren erlitten. Federer kämpfte mit einem mehrfach operierten Knie, und auch Williams blieb nicht von Verletzungen verschont. Die jüngste fing sie sich ausgerechnet in der ersten Runde von Wimbledon ein, woraufhin sie unter Tränen aufgeben musste und ähnlich ekstatisch von den Fans verabschiedet wurde wie Federer, wenn auch unter anderen Bedingungen. Ihre Zukunft ist genauso unklar wie die des Schweizers.

Nicht mehr auf der Höhe

Aber zurück zu Federer. Der einst so quirlige Allrounder gestand sich nach seiner Niederlage gegen den um sechzehn Jahre jüngeren Hurkacz Probleme in der Bewegung ein. "Ich habe mich nicht so gut bewegt, wie ich gern würde, vor allem in der Defensive", gab der Schweizer als Mitgrund für die Abfuhr gegen den Polen an. Ihm fehle es an Dingen, die vor 10,15 oder 20 Jahren noch normal schienen. An diese müsse er sich jetzt erinnern, um wieder aufschließen zu können. Ob das in seinem Alter noch möglich ist, scheint stark fragwürdig.

Der Tennissport lebte in den vergangenen Jahrzehnten vor allem von der unnachahmlichen Dominanz der großen Drei, Novak Djokovic, Rafael Nadal und Federer. Die drei bildeten eine Mauer, die keine der aufkommenden Generationen durchbrechen konnte. Hurkacz’ Dreisatzsieg ist ein Beleg dafür, dass diese Mauer nun stärker denn je bröckelt.

Nicht nur Federers Zukunft ist ungewiss, auch Nadal muss aufgrund seiner Wehwehchen immer öfter Turniere absagen. Einzig an Djokovic scheint es nach wie vor keinen Weg vorbeizugeben. Der Weltranglistenerste spaziert aktuell durch das Wimbledon-Turnier. Federer äußerte sich kürzlich voll des Lobes über seinen langjährigen Rivalen: "Er verdient es. Er hat extrem hart gearbeitet. Gleichzeitig spielt er auch großartig. Er wird schwer zu schlagen sein", gesteht der (Noch-)Rekord-Grand-Slam-Sieger ein.

Diesen Bestwert könnte Djokovic mit einem Wimbledon-Sieg egalisieren und mit Federer und Nadal hier mit Titel Nummer 20 gleichziehen. Unabhängig davon, ob man dies als Kapitulationserklärung interpretiert oder nicht, scheint sich die Ausnahmekarriere des Maestros dem Ende zuzuneigen.