Georg Totschnig war von seiner schwachen Leistung bei der Tour de France 2005 so sehr enttäuscht, dass er drauf und dran war, sich vorzeitig vom Bewerb zurückzuziehen. Nach großer Überzeugungsarbeit seiner Teamleitung fuhr er aber weiter. Und wie: Auf der Bergfahrt im Ax-3-Domaines-Gebirge attackierte Totschnig früh und kam schließlich mit über einer Minute Vorsprung auf die Konkurrenz ins Ziel. Bis heute bleibt es der letzte Sieg eines Österreichers bei der Tour und der erste seit Max Bullas drei Triumphen im Jahr 1931. Totschnig siegte damals auf der 14. Etappe - und damit genau auf jener, wo Patrick Konrad letzten Samstag den zweiten Platz erreichte.

Allerdings war Totschnig bei seinem Triumph im Skigebiet unterwegs, während Konrad sein Coup zwischen den Destinationen Carcassone und Quillan gelang. Der zweifache österreichische Staatsmeister war der erste rot-weiß-rote Stockerlfahrer bei der Tour seit Gregor Mühlberger 2019. Der Erfolg des 29-jährigen kommt nicht von ungefähr. Nach zwei dritten Plätzen beim Criterium du Dauphine und dem erneuten Staatsmeistertitel war Konrad als Geheimtipp auf einen Etappensieg nach Frankreich gereist. "Ich bin gut drauf, die Form passt", hatte der Niederösterreicher vor Start der Rundfahrt verkündet.

Selbst ein Sturz zu Beginn der Tour hielt ihn nicht davon ab, mit Platz sieben auf dem siebenten Teilstück zunächst sein bestes Ergebnis überhaupt beim prestigereichsten Radrennen der Welt einzufahren, ehe er dieses Resultat vor wenigen Tagen noch einmal übertraf.

Hohe Ziele für Großevents

Vor der finalen Woche steht Konrad im Gesamtklassement auf dem starken 28. Platz, satte 87 Plätze vor seinem Landsmann und Teamkollegen beim deutschen Bora-Hansgrohe-Team, Lukas Pöstlberger. Auf Spitzenreiter und Titelverteidiger Tadej Pogacar fehlt ihm eine Stunde. In der Schlussphase der Tour will Konrad nochmals richtig angreifen. Der starke Bergfahrer hatte vor Start des Events mit einen Etappensieg und dem berühmten weißen Bergtrikot für den besten Fahrer bei Anstiegen geliebäugelt. Während Zweiteres nicht mehr zu erreichen sein wird - Konrad liegt in dieser Wertung auf Platz 37 -, ist dem Staatsmeister durchaus noch ein Tagessieg zuzutrauen. Schon am Dienstag steht mit dem Teilstück zwischen Pas de la Clase und Saint-Gaudens eine hügelige Strecke am Programm, die dem Österreicher entgegenkommen könnte.

Ein weiterer Trumpf Konrads sind seine neu entdeckten Qualitäten als Sprinter. In der Wertung hat er starke 47 Punkte auf dem Konto und liegt auf dem beachtlichen 19. Platz. Dass er im Schlusssprint etwas drauf hat, bewies er am Samstag, als er den entscheidenden Sprint um das Stockerl klar für sich entschied.

Eine große Verschnaufpause wird es nach der anstrengenden Tour nicht geben. Bereits am 23. Juni, also nicht einmal eine Woche nach dem Finale der Tour de France, startet der Radsport in die olympischen Wettkämpfe in Tokio. Konrad geht auch dort topmotiviert an den Start und dürfte sich auf der 44,2 Kilometer langen Strecke durchaus Chancen auf dem bergigen Gelände ausrechnen.