Es war ein Erfolg, der sich nach den starken Leistungen der vergangenen Wochen zwar angekündigt hatte, von dem aber dennoch kaum einer zu träumen gewagt hätte – vielleicht mit Ausnahme von Patrick Konrad selbst. Doch am Dienstag wurde dieser kühnste Traum Realität – und Konrad zum ersten österreichischen Etappensieger bei der prestigeträchtigen Tour de France seit Georg Totschnig 2005.

Der 29-Jährige aus dem Bora-Hansgrohe-Team setzte sich nach dem zweiten Platz auf dem Teilstück am Samstag nun am Dienstag auf den 169 Kilometern von Pas de la Case nach Saint-Gaudens durch und war damit etwas mehr als eine Minute vor seinen Verfolgern Sonny Colbrelli und Michael Matthews.

Konrad präsentierte sich überaus aktiv und suchte von Beginn an seine Chance.

Nach dem mit einer Seehöhe von 2.080 m höchstgelegenen Start der Tour-Geschichte setzte Konrad nach rund zweieinhalb Stunden aus einer Verfolgergruppe einem Spitzen-Trio nach, aus dem neben dem österreichischen Staatsmeister der Belgier Jan Bakelants und Fabien Doubey übrigblieben. Aus diesem Trio holte sich Konrad gut 50 Kilometer vor dem Ziel auf dem Col de la Core zehn Punkte für den Gewinn der Bergwertung.

Da eine zehnköpfige Verfolgergruppe aber nur rund eine halbe Minute zurücklag, suchte der angehende rot-weiß-rote Olympia-Teilnehmer sein Heil in der Flucht und hielt bei recht kühlen, windigen und auch feuchten Bedingungen die Konkurrenz bis zum Schluss auf Distanz, vergrößerte sogar den Vorsprung auf die hinter ihm sich mühenden David Gaudu und dem letztlich Zweiten Sonny Colbrelli auf über eine Minute auf. Konrad nahm auch noch zwei Bergwertungssiege mit.

"Richtig stolz"

"Der erste Sieg auf der World Tour und das beim größten Radrennen der Welt, ich bin wirklich sprachlos", sagte Konrad im ersten Interview auf Eurosport. "Der Sieg ist für meine Familie, meine Freunde und mein Team Bora - für alle, die an mich geglaubt haben. Ich glaube, der Erfolg ist im richtigen Moment gekommen. Ich bin richtig stolz, das ist wie ein Befreiungsschlag. Ich war schon dreimal in einer Ausreißergruppe, diesmal wollte ich es aber bis zum Finish durchziehen", gab Konrad an.

"Ich habe mir schon nach dem zweiten Platz gedacht, wenn ich noch einmal in diese Situation komme, bin ich der Erste, der angreift. Ich bin glücklich, dass es funktioniert hat, wie ich mir das ausgemalt habe. 500 Meter vor dem Ziel habe ich dann an den Sieg geglaubt", sagte der Sohn von Vienna-City-Marathon-Veranstalter und Ex-Leichtathlet Wolfgang Konrad.

Er habe gespürt, dass die Form weiter stimmt. Ich habe gewusst, ich habe die Beine, die Form und das Talent, dass ich so etwas gewinnen kann. Heute habe ich quasi das Glück etwas gezwungen und habe es mit der Brechstange versucht. Ich war aber ruhig und habe mir gesagt: 'Patrick, du bist heute der, der gewinnt. Es geht gar nicht anders.' Ich habe es geschafft, eine Tour-de-France-Etappe gewonnen."

Lange auf den Coup gewartet

Max Bulla, der erste heimische Tour-Etappensieger,  hatte seine drei Erfolge bei der Tour eben 1931 geholt, danach schlug nur Georg Totschnig 2005 im Einzel zu. Fünf Jahre davor hatte Peter Luttenberger mit seiner Equipe in einem Teamzeitfahren triumphiert.

Konrad hatte davor zahlreiche Topränge wie Rang zwei vom Samstag oder auch beim Giro d'Italia 2020, aber noch keinen Sieg im Ausland - nur die ÖRV-Meistertitel 2019 und 2021. 2019 war er Tour-de-Suisse-Dritter. Bei der Heim-WM 2018 hatte Konrad die hohen Erwartungen nicht erfüllt. Im Gegensatz zu seinen Bora-Kollegen Lukas Pöstlberger (Giro-Etappensieg), Felix Großschartner und Gregor Mühlberger hat er lange warten müssen auf den ersten Sieg, der war umso wertvoller.

Am Mittwoch warten auf die Fahrer erneut in den Pyrenäen drei knackige Anstiege innerhalb von gerade einmal 60 Kilometern. Auf den 178,4 Kilometern von Muret nach Saint-Lary-Soulan am Col du Portet sind vor dem extrem schwierigen Schlussanstieg noch zwei Berge der ersten Kategorie zu überwinden: der Col de Peyresourde und der Col de Val Louron-Azet. Der slowenische Titelverteidiger und Gelb-Träger Tadey Pogacar nannte die 17. Etappe die schwierigste verbleibende Etappe der laufenden Tour. (art/apa)