Seit fünf Jahren atmet Larry Nassar gefilterte Luft und wird das, geht es nach den Richtersprüchen der vergangenen Jahre, auch in den 230 Jahren oder so seiner noch zu verbüßenden Haftstrafen - also bis zu seinem Ableben - tun. Und dennoch hält der Fall des verurteilten Mediziners und Sexualstraftäters, der zwischen 1986 und 2014 als Turnarzt des US-Gymnastik- und Olympiateams nicht weniger als 250 Frauen und Mädchen missbraucht und darüber hinaus Kinderpornos besessen hat, das Land auf Trab. War es bisher der Streit um Wiedergutmachung, der die Gerichte beschäftigte, steht nun das FBI, das Nasser 2016 verhaftet hatte, selbst am Pranger.

Denn wie aus einem aktuellen Bericht des Büros des Generalinspekteurs im US-Justizministerium hervorgeht, soll die Bundespolizei frühe Hinweise auf den sexuellen Missbrauch durch den ehemaligen Turnarzt Nassar falsch behandelt und ihm so Monate für weitere Taten ermöglicht haben. Dabei hätten die mit dem Fall befassten FBI-Beamten nicht mit der bei Vorwürfen dieser Art nötigen "Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit" reagiert sowie die ersten Vorwürfe, die bereits im Juli 2015 in Indianapolis erhoben worden waren, zunächst ignoriert. Dem Justizbericht zufolge sollen bis zur Aufnahme von Gesprächen fünf Wochen verstrichen sein, Informationen seien zudem nicht wie vorgeschrieben weitergereicht worden. Erst ein Jahr später, nachdem ein weiteres Opfer Anzeige erstattet hatte, wurde Nassar in Michigan festgenommen.

"Beamte genießen Pension"

Allein im ersten Prozess beschuldigten nach Angaben von US-Medien mehr als 70 Frauen den heute 57-Jährigen für den betreffenden Zeitraum des sexuellen Missbrauchs. Seither wurde Nassar in insgesamt drei Urteilen für seine kriminellen Übergriffe auch gegen Minderjährige zu Gefängnisstrafen von bis zu 175 Jahren verurteilt. Er hatte sich in den Verfahren schuldig bekannt, mehrere Mädchen sexuell misshandelt zu haben. Insgesamt hatten Hunderte Turnerinnen und ihre Eltern gegen ihn geklagt, darunter auch die Olympiasiegerinnen Alexandra Raisman, McKayla Maroney sowie Simone Biles. Die Athletinnen reagierten auf die Versäumnisse des FBI naturgemäß fassungslos.

Scharfe Kritik an den Enthüllungen übte die ehemalige Gymnastik-Sportlerin und nunmehrige Rechtsanwältin Rachael Denhollander, die Nassars sexuelle Übergriffe erstmals öffentlich gemacht hatte. Sie warf dem FBI, aber auch dem Justizministerium mangelndes Verantwortungsgefühl vor. "Dieser Bericht legt zwar die Korruption offen, aber die Schlussfolgerung lautet: ‚Spielt keine Rolle.‘ Weil wieder nichts passiert", twitterte sie und beklagte, dass, während die Opfer um ihr Überleben kämpfen, die Beamten ihre Pension genießen würden.

Eine Klage - eventuell eingebracht durch Denhollander selbst - ist nicht auszuschließen, und so müssten sich die Gerichte aufs Neue mit dem Fall beschäftigen. Ob die verantwortlichen Agenten des FBI eines Tages selbst gefilterte Luft atmen werden müssen, wird sich erst weisen. Fix ist nur: Die USA werden den Fall Nassar nicht so rasch los.(rel)