Das All-Star-Spiel ist immer sowas wie ein Gradmesser. Und aus diesem Blickwinkel sieht man die Richtung, in die es geht: steil nach unten nämlich. Als dieser Tage die All Stars der American und der National League aufeinandertrafen (5:2), schalteten nur 8,24 Millionen Menschen ein. In den goldenen Achtzigern waren es regelmäßig mehr als 36 Millionen, 2015 noch elf Millionen. Baseball befindet sich in einer veritablen Krise - und die hat nicht nur damit zu tun, dass es im vergangenen Jahr Covid-bedingt eine verkürzte Saison gab, in der ein operativer Verlust von drei Milliarden Dollar eingefahren wurde.

Mit Wohlfühl-Geschichten wie jener von Baltimore-Orioles-Baseman Trey Mancini, der die vergangene Saison wegen einer Darmkrebs-Operation mit nachfolgender Chemotherapie verpasste, nun zurückkehrte, als Finalist des traditionellen Home Run Derbys für Schlagzeilen sorgte und seine Bekanntheit für Krebs-Vorsorge-Kampagnen nützt, alleine wird man dieser Krise nicht Herr werden. Versuchen kann man es ja trotzdem.

Und so wird vielen vielleicht auch nicht das All-Star-Game selbst am meisten erinnerlich bleiben, sondern es werden jene Minuten sein, in der genau dieses stillstand und alle darin Befindlichen Stand-up-to-cancer-Plakate mit den Namen von Betroffenen in die Höhe hielten.

Doch was Gänsehaut-Momente für die einen waren, bedeutete für andere nichts anderes als Effekthascherei und Heuchelei. Auf einigen Plakaten war denn auch zu sehen: "Stand up for . . . cheating".

Größere und kleinere Schummeleien, das Ausspionieren von Gegnern, Manipulationen an den Bällen sowie Doping-Vorwürfe haben den Sport in den vergangenen Jahren begleitet; dazu kamen Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen prominente Spieler. All das macht sich nicht gut für das Image eines Sports, der ohnehin um die Gunst der Zuschauer kämpft. Er riskiere es, in die "Irrelevanz" abzudriften, schreibt der "Economist".

"Wer sich der Hoffnung hingegeben hat, der Sporthunger sei nun besonders groß, hat sich ihr auch irgendwie ergeben"

In dieser Hinsicht ist er nicht alleine. Als Corona-bedingt alle US-Ligen im vergangenen Jahr Einnahmen-Einbußen hinnehmen mussten, wollten viele davon ausgehen, der Sporthunger würde in der Bevölkerung besonders groß sein, wenn sich erst wieder einmal so etwas wie Normalbetrieb eingestellt haben würde. Doch die, die das getan haben, haben sich dieser Hoffnung nicht nur hin-, sondern sich ihr irgendwie auch ergeben.

Denn die Zahlen sprechen eine andere Sprache, wie nun an mehreren Beispielen zu beobachten ist. Auch die aktuell laufende Finalserie in der nordamerikanischen Basketball-Liga NBA zwischen den Phoenix Suns und den Milwaukee Bucks klagt über wesentlich geringeres Zuschauerinteresse als vor Corona - ganz zu schweigen von den Zeiten, in denen Michael Jordan mehr als 30 Millionen Amerikaner vor die Empfangsgeräte lockte, die damals noch echte Fernseher und damit nicht überall und jederzeit anklickbar waren.

Auch das NBA-Finale (hier Chris Paul gegen Giannis Antetokounmpo) hat schon bessere Zeiten gesehen. 
- © afp / Getty / Jonathan Daniel

Auch das NBA-Finale (hier Chris Paul gegen Giannis Antetokounmpo) hat schon bessere Zeiten gesehen.

- © afp / Getty / Jonathan Daniel

Doch wohl in keiner US-Sportart sind die Zukunftsaussichten so düster wie in jener, die einst als die amerikanischste aller und verbindendes Element zwischen den Schichten gegolten hatte. Bei einer Umfrage der Agentur Morning Consult aus dem Jahr 2020 gaben nur 32 Prozent der Generation Z an, sich "sehr oder gelegentlich" für die MLB zu interessieren. Unter allen befragten Erwachsenen waren es immerhin noch 50 Prozent - ein deutlich größeres Gefälle als im Football, Basketball und Eishockey.

Dabei sei es gerade die große Geschichte und Tradition, auf die man so viel Wert legt, die sich als Achillesferse des Baseballs erweisen, sagt der Sportwissenschafter Jacob Pomrenke zum "Economist": "Baseball hat eine extrem konservative Kultur." Um die Jungen nicht zu verlieren, brauche es aber Anpassungen, für die "die Idee, dass Baseball früher besser war, verworfen" werden müsse.

Doch Änderungen werden schwierig durchzusetzen sein, zumal die Interessen auseinanderdriften und die Fronten zwischen Teambesitzern und Spielern verhärtet sind. Im Dezember läuft der Rahmenkollektivvertrag, der auch die Einnahmenaufteilung und Gehaltsobergrenzen regelt und in unschöner Regelmäßigkeit zu Streitereien führt, aus. Sollte es zu keiner Einigung kommen, droht statt eines Lockdowns ein Lockout - ein Aussetzen von Spielen oder gar einer ganzen Saison. "Und wenn es schon schwierig ist, die Menschen für Baseball zu interessieren, ist es noch schwieriger, sie dafür zu interessieren, wenn kein Baseball gespielt wird", schließt der "Economist" ungewohnt lakonisch.

"In den Iden des März 2020, als das Coronavirus die Welt lahmlegte, stand auch jene von Trey Mancini plötzlich still"

Einen würde dies wohl besonders treffen, womit man wieder bei der Wohlfühlgeschichte dieses Sommers wäre. Monatelang hat Trey Mancini im Vorjahr nicht an Baseball gedacht, sondern nur ans Überleben. Denn in den Iden des Märzes 2020, als Corona die Welt lahmlegte, stand auch die seine plötzlich still. Die Krebsdiagnose für einen damals 27-Jährigen ließ vieles in anderem Licht erscheinen. Doch als die Liga im späten Juli ihren Betrieb wieder aufnahm, kehrten auch seine Lebensgeister wieder zurück, mit Bällen in der Hand, einer Art Trockentraining für die Psyche, stand er vor dem Fernseher, um die Spiele zu verfolgen, und wusste: Das Schlimmste sei fürs Erste überstanden.

Heute sagt er, bezüglich auf die Früh-Erkennung, die erst durch die regelmäßigen Blutuntersuchungen durch die Klubärzte möglich wurde, Baseball habe vielleicht sein Leben gerettet. Es sind Geschichten wie diese, mit denen Mancini und seine Mitstreiter auch junge Menschen zur Vorsorge ermutigen wollen. Und es sind Geschichten, die auch die kriselnde Liga dankbar aufnimmt.