Es ist der 19. September. 2020. Aufgrund der Corona-Pandemie findet die traditionell im Juli steigende Tour de France im Spätsommer statt. Der Topfavorit Primoz Roglic aus Slowenien hat zwei Etappen vor Schluss seinen ersten Tour-Gesamtsieg vor Augen. Komfortable 57 Sekunden beträgt sein Vorsprung auf Landsmann Tadej Pogacar. Nach den konstanten Leistungen scheint ein Scheitern so kurz vor dem Ziel undenkbar. Doch der damals 21-jährige Pogocar wächst über sich hinaus und radelt die Konkurrenz von Lure nach La Planche de Belles in Grund und Boden. 1:56 Vorsprung auf Roglic, und vor der Schlussetappe nach Paris liegt er plötzlich sensationell in Front. Diesen Vorsprung ließ sich Pogocar nicht mehr nehmen und schnappte dem Favoriten völlig überraschend den sicher geglaubten Triumph vor der Nase weg. Für Pogacar war es der erste Antritt beim härtesten Radrennen der Welt.

Auch bei der diesjährigen Tour sitzt der Shootingstar auf dem Platz der Sonne. Das letzte Berg-Teilstück von Pau nach Luz-Ardiden im Pyrenäen-Gebirge hat er knapp, nämlich nur zwei Sekunden vor dem Dänen Jonas Vingegaard gewonnen. Klingt doch nach einer spannendenden und ausgeglichenen Ausgangslage drei Etappen vor dem Zielstrich. Hätte Pogacar sich während der gesamten drei Wochen der Tour nicht in Galaform präsentiert, wäre es das wohl auch. So betrug der Vorsprung auf Vingegaard in der Gesamtwertung vor dem Abschnitt am Freitag satte 5:45 Minuten, womit der zweite Tour-Sieg in Folge nur noch, wenn überhaupt, Formsache ist. Pogacar liegt nach dem Erfolg in den Pyrenäen auch in der prestigeträchtigen Bergwertung vorne, die Nachwuchswertung war ihm eigentlich schon vor Tour-Start sicher. Drei Etappenerfolge in Frankreich und insgesamt drei Gesamtsiege bei Rundfahrten im Jahr 2021 stehen dem Slowenen schon zu Buche. Auf ein Antreten beim Vorreiter der Tour, Giro d’Italia, verzichtete er wie bereits in den Jahren zuvor.

Kontroverses Umfeld

Pogacar war schon immer ein Mann für die großen Ausreißer. Als der ehemalige slowenische Radprofi und Trainer Andrej Hauptmann vor elf Jahren bei einem Junioren-Rennen zusah, dachte er, Pogacar wäre hoffnungslos in Verspätung. Weit und breit kein Mitstreiter zu sehen und vor ihm ein schlaksiger Elfjähriger, der aus dem letzten Loch pfeift. Hauptmann wunderte sich damals, warum man den armen Jungen nicht aus dem Rennen nahm. Grund: Das Wunderkind hatte sich schon längst abgesetzt und war drauf und dran, die ersten Nachzügler zu überrunden. Hauptmann nahm Pogacar daraufhin unter seine Fittiche, was im Radzirkus für Kritik und Diskussionsstoff sorgte. Bei Hauptmann wurde zehn Jahre zuvor nämlich ein überhöhter Hämatokritwert festgestellt, der eine Sperre von der Tour zur Folge hatte. In Pogacars Team UAE Team Emirats gibt es mit Matxin Joxean Fernandez und Mauro Gianetti ebenfalls zwei Vertrauenspersonen mit Doping-Vergangenheit. In der Operation Aderlass, die das Praktizieren von Doping untersucht, ist Slowenien ein Problemfall - Pogacar war (noch) nicht betroffen.

Angetrieben von seinem um zwei Jahre älteren Bruder Tilen, dem er mit dem Ehrgeiz und Temperament eines ambitionierten Jungspunds nacheiferte, heimste Pogacar schon früh die ersten Siege und Trophäen bei Rennen ein. 2019 gewann er mit der Kalifornien-Rundfahrt als jüngster Athlet der Geschichte ein World-Tour-Event.

Kurios: Pogacar als damals 20-jähriger war zu jung, um seinen Triumph am Siegespodest mit klassischem Champagner zu zelebrieren. Als Trostpreis erhielt er einen entzückenden Plüschbären.

Die spielerische Leichtigkeit, mit der Pogacar auch seine jungen Konkurrenten alt aussehen lässt, schlägt sich in einem Zitat während der Tour nieder: "Ich hoffe, ich kann so lange schlafen, dass es mir wehtut, weil ich so lange im Bett gelegen bin", scherzte der Dominator über größere Schwierigkeiten beim Schlafen als beim Radfahren. Eine Ansage, die wohl eher den Gegnern schlaflose Nächte bereitet.