Die zwei Konkurrenten, die um den Titel in der Formel-1-Weltmeisterschaft kämpfen, fahren aus der ersten Startreihe los. Der eine kommt gut weg, der andere eher suboptimal. Es folgen Rad-an-Rad-Duelle über die halbe Runde, bis sie in die schnellste Passage der ohnehin Highspeed-lastigen Strecke in Silverstone gelangen. Und plötzlich ist nur noch einer da. Lewis Hamilton probierte in die Corpse-Kurve das Überholmanöver, touchierte aber seinen niederländischen Gegner Max Verstappen, der daraufhin mit über 50-G-Kräften, also mit seinem fünfzigfachen Körpergewicht (beim Fahren lasten 8 G auf den Piloten), im Reifenstapel einschlug. Der 23-jährige musste daraufhin mit Übelkeit und leichtem Schock ins Krankenhaus, während der Engländer eine Aufholjagd hinlegte und den Heimsieg feierte.

Die Art und Weise, wie der siebenfache Weltmeister zum achten Sieg auf seiner Lieblingsstrecke kam, erhitzte bei WM-Leader Red Bull Racing alle Gemüter. Motorsport-Chef Helmut Marko titulierte Hamiltons Aktion als "gemeingefährlich" und forderte eine Strafe für den Titelverteidiger. Auch Teamchef Christian Horner ließ kein gutes Haar an Hamilton, wobei er sich vor allem über dessen ausgelassenen Feierlichkeiten nach dem Rennen echauffierte: "Lewis kann so viel feiern, wie er will, stolz kann er auf diesen Sieg nicht sein."

Mercedes-Boss Toto Wolff stufte die Situation naturgemäß anders ein. "Wir sehen einfach zwei Spitzenfahrer, die mit dem Messer zwischen den Zähnen um die Vorherrschaft kämpfen", so der Wiener, der auf Diagramme von Renndirektor Michael Massi mit den Positionen der Autos beim Unfall verwies, die beweisen, dass Hamilton bei seinem Überholversuch im Recht gewesen sei. Nach dem Regelbuch war die auferlegte 10-Sekunden-Strafe laut Wolff auch nicht gerechtfertigt.

Unfallopfer Verstappen meldete sich Stunden nach Rennende auf Social Media zu Wort. Neben der Bestätigung seines Wohlbefindens hatte er für seinen Rivalen keine schönen Worte übrig. Die Zelebrationen Hamiltons im Fernsehen aus dem Krankenhaus zu sehen, gleiche respektlosem und unsportlichem Verhalten. In einem eigenen Statement machte Hamilton auf die Gefahren des Sports aufmerksam und forderte weniger waghalsiges Risiko. Wohl ein klarer Giftpfeil in Richtung Verstappen, der dem WM-Zweiten beim Zweikampf sehr aggressiv Paroli bieten wollte. Was auf der Strecke begann, geht jetzt also auf die persönliche und öffentliche Ebene über. Für einige war es sowieso nur eine Frage der Zeit, bis die zwei Titanen direkt zusammenkrachen. Bis zum zehnten Saisonrennen hat es nun gedauert.

Die Ausgangslage in den jeweiligen WM-Wertungen hat sich durch das für Red Bull desaströse Wochenende (Sergio Perez blieb punktelos) wieder deutlich zugespitzt. Nachdem sich Verstappen in den beiden Rennen in Spielberg einen komfortablen Vorsprung herausarbeiten konnte, kam ihm Hamilton durch den Silverstone-Sieg bis auf acht Punkte nahe. In der Konstrukteurs-WM liegt der österreichische Rennstall nur noch vier Punkte vor Mercedes. Vor der einmonatigen Sommerpause steht noch das Rennen in Ungarn am Programm.

Wie in alten Zeiten

Ein Rückblick zeigt, dass toxische Rivalitäten, die über die harten Zweikämpfe im Rennen hinausgehen, die Königsklasse des Motorsports immer schon prägten. Spätestens seit dem Film "Rush" weiß man, dass sich James Hunt und Niki Lauda im WM-Fight 1974 auf und neben der Strecke nichts schenkten, wenngleich die beiden eine respektvolle Freundschaft führten. Dasselbe galt für die wohl berühmteste Rivalität der Formel 1 zwischen den beiden legendären Piloten Ayrton Senna und Alain Prost. Die zwei kollidierten in Japan gleich zweimal, das zweite Mal verursachte Senna die Kollision mit voller Absicht, wie er Jahre später zugab. Unvergessen ist der WM-Kampf 1996, als Michael Schumacher seinen Widersacher Jacques Villeneuve in Jerez von der Strecke rammen wollte. Dem deutschen Rekordweltmeister wurden danach sämtliche Punkte aberkannt, und der Kanadier der durfte sich freuen.

Hamilton war selbst schon in zwei verbitterten Rivalitäten involviert. Zum einen jene in seiner Rookie-Saison 2007, als er mit Fernando Alonso die Fahrerpaarung bei McLaren bildete. Der damals zweifache Weltmeister Alonso versuchte, sich mit teils grenzwertigen Psychospielchen gegen den aufsteigenden Jungstar zu wehren. Das Gezanke sorgte dafür, dass McLaren die Weltmeisterschaft mit einem überlegenen Auto letztlich gegen Kimi Räikkönen und Ferrari verlor. Die jüngste Fehde führte Hamilton mit seinem früheren Mercedes-Teamkollegen Nico Rosberg. Die ständigen Scharmützel setzten dem Deutschen so sehr zu, dass er sich nach der gewonnen Weltmeisterschaft 2016 vom Rennsport zurückzog.

Nach dem jüngsten Vorfall in Silverstone droht die Situation zwischen den Alphatieren Verstappen und Hamilton ähnlich zu eskalieren. Vielmehr als von den beiden wird der Streit aber zwischen den Chefetagen der Teams ausgefochten. Seit Saisonbeginn lamentiert Mercedes über einen illegalen Heckflügel beim Red Bull-Team. Der Rivale hält sich diesbezüglich ebenfalls nicht zurück und reklamierte schon mehrere irreguläre technische Hilfsmittel bei den Silberpfeilen. Jetzt, wo auch die Fahrer aneinandergeraten sind, scheint das Fass endgültig übergelaufen.