Erster Sieg 2007, es folgen weitere in den Jahren 2008, 2012, 2013 und 2016, ehe von 2018 bis 2020 eine neue Siegesserie hinzukam: Ganze acht Mal triumphierte Lewis Hamilton auf dem Traditionskurs Hungaroring, nordöstlich der ungarischen Hauptstadt Budapest. Wohl am bemerkenswertesten war sein Erfolg vor zwei Jahren, als er dem damals über das gesamte Rennen lang führenden Max Verstappen im Red Bull, der am Tag zuvor seine erste Pole Position geholt hatte, nach einem strategischen Geniestreich seiner Mercedes-Crew den Sieg drei Runden vor Schluss noch wegschnappte. Davor lieferten sich die beiden Ausnahmekönner einen erbitterten Zweikampf, bei dem der Brite auf der zum Überholen eher ungeeigneten Strecke keinen Weg am Defensivkünstler aus den Niederlanden vorbei fand. Ein ähnliches Szenario könnte sich dieses Wochenende anbahnen (Rennen am Sonntag um 15:00 Uhr), bevor die Formel 1 im August in ihre wohlverdiente Sommerpause geht. Die Vorzeichen sind diesmal aber andere: Während Hamilton 2019 in der WM-Wertung bereits souverän vorne lag, ist er diesmal der Jäger. Ausgerechnet von Verstappen, den er damals besiegte.

Seit dem vergangenen Rennwochenende in Silverstone liegen zwischen den beiden Rivalen nur noch acht Punkte. Die Konstrukteure Red Bull und Mercedes trennen sogar nur vier Zähler. Spannender könnte die Ausgangslage vor dem elften Saisonrennen kaum sein, vor allem, wenn man auf die Emotionen achtet, die nach dem Großbritannien-Rennen zwischen Teams und Fahrern hochgekocht sind. Die Kollision in der ersten Runde, als der spätere Sieger Hamilton seinen Konkurrenten Verstappen gnadenlos aus dem Rennen nahm, sorgt nach wie vor für gehörigen Diskussionsstoff. Beim 51-G-Einschlag des Niederländers wurden Kosten von rund 1,5 Millionen Euro fällig, Verstappen musste sogar zu medizinischen Kontrollen ins Krankenhaus gebracht werden. Neben verbalen Anschuldigungen und Giftpfeilen hat Red Bull den Fall noch mal der Rennkommission vorgelegt, um nachträglich eine härtere Strafe für Hamilton herauszuholen. Die Folge wäre, dass der WM-Zweite, der nach dem Crash eine Zehn-Sekunden-Strafe erhielt, seinen Heimsieg verliert. Verstappen äußerte sich nach dem Zwischenfall offen und sehr kritisch gegenüber den aus seiner Sicht "respektlosen" Feierlichkeiten Hamiltons mit den britischen Fans, möchte sich nach zwei Wochen Aufarbeitungszeit aber wieder auf das Wesentliche konzentrieren. "Mein Job ist derselbe wie sonst auch. Das Beste geben und versuchen, am Sonntag zu gewinnen", sagte der 23-Jährige.

Offenes Wochenende

Die Scharmützel zwischen den zwei Großmächten der Königsklasse des Motorsports, die ehrlicherweise hauptsächlich vom britisch-österreichischen Team ausgehen (Mercedes-Chef Toto Wolff sagte vor dem Rennen pragmatisch: "Jeder hat seine eigene Meinung zu den Ereignissen in Silverstone, und es war ein sehr polarisierender Zwischenfall"), lassen das Sportliche aktuell sehr in den Hintergrund rücken. Alles, was von Silverstone hängen blieb, ist die Kollision und die daraus entstandene Kontroverse um die Bestrafung Hamiltons. Dass dieser eine unwiderstehliche Aufholjagd zum Sieg hinlegte oder Charles Leclerc im eigentlich unterlegenen Ferrari das Rennen fast gewonnen hätte, ging dabei doch eher unter. Dabei sollte genau die plötzliche Wiederauferstehung der Scuderia den beiden Topteams zu denken geben. Auf dem engen Kurs in Ungarn könnte Ferrari wieder voll auf der Höhe von Red Bull und Mercedes sein, nachdem die Italiener auf den sehr ähnlich ausgerichteten Strecken in Monaco und Aserbaidschan mindestens gleichauf waren. Auch der junge Brite Lando Norris, der in diesem Jahr bis auf eine Ausnahme immer in den Top 5 landete, kann in seiner momentanen Form immer ein Wörtchen mitreden. Generell haben in dieser Saison einige Mittelfeldteams schon überraschen und sich teilweise vor deutlich stärker eingeschätzten Autos platzieren können. Das ist die Formel 1 im Jahr 2021: unberechenbar und von Strecke zu Strecke unterschiedlich spannend.

Was den Kampf um die Weltmeisterschaft betrifft, sollte Hamilton in Ungarn nach der Papierform vorne sein. Zwar tat sich Mercedes auf den genannten engen Kursen dieses Jahr bisher sehr schwer, die in Silverstone sehr wirksamen Updates am Silberpfeil und Hamiltons Ungarn-Expertise könnten den Rückstand allerdings wieder wettmachen. 2019 ist hierfür das beste Beispiel. Verstappen war mit seinem Red Bull das ganze Wochenende auf einer Wellenlänge und stärker unterwegs als Mercedes. Im Rennen lotete Hamilton auf seiner Paradestrecke aber alles aus, um die unantastbar wirkende Kombination im Endeffekt doch zu besiegen. Zudem kommt hinzu, dass der Brite in Ungarn seit drei Jahren ungeschlagen ist und die Chance auf einen alleinigen Rekord hat: Gewinnt er am Hungaroring erneut, wäre er mit neun Erfolgen auf einer Strecke der einzige Fahrer, dem dieses Kunststück gelingt. Momentan teilt er sich die Bestmarke mit Michael Schumacher, der in Frankreich ebenfalls achtmal triumphierte. Mit Silverstone hat Hamilton seit dem jüngsten Rennen in dieser Hinsicht ein weiteres Ass im Ärmel, es war sein bereits achter Heimsieg. Die Charakteristik Ungarns spricht zwar eher für Red Bull und Verstappen, doch Hamilton dürfte nach der Verkürzung seines Rückstands und die Rückkehr in seine Wohlfühloase wohl Reserven haben. Je nachdem wird Ungarn ein wichtiger Gradmesser dafür sein, wie es nach der einmonatigen Sommerpause weitergeht. Die Saison wird Ende August in Belgien wieder aufgenommen. Eines ist gewiss: Diesmal ist nach der ersten Saisonhälfte noch rein gar nichts vorentschieden.(dri)