Schneller, höher, weiter. Dies ist das Motto im Sport - vor allem eben im Spitzensport. Im Kampf um Pokale, Medaillen und Titel gehen Sportler an ihre Grenzen und oft auch darüber hinaus. Der Leistungs-, aber auch Erwartungsdruck steigt immer mehr - bis er zu groß wird.

Vor allem in den Spitzensport "passen" psychische Erkrankungen nicht, schließlich sind die Sportler stark, energiegeladen und in Topform. So äußerte Alexander Pointner, ehemaliger Cheftrainer der österreichischen Skispringer, vor Jahren gegenüber dem "Standard", wie seine Erkrankung in die Welt des Verbandes gepasst habe: "Schlecht. Für die Verbandsspitze ist Depression eine Schwäche. Menschen mit dieser Einschätzung führen Verbände und Konzerne. Das ist einer der Gründe, warum Depressionen noch immer ein Tabuthema sind." Wenn das Umfeld, welches aus Trainern, Ärzten, Sponsoren besteht, die Krankheit als Kleinigkeit abtut und sich die Person nicht in professionelle Behandlung begibt, dann kann das durchaus fatale Folgen haben.

Genau dies wurde einem deutschen Fußballer im Jahre 2009 zum Verhängnis, denn Robert Enke litt unter Depressionen. Er wurde als "Ausnahmetorwart" bezeichnet, wurde zweimal zum besten Torwart der Liga gekürt. Jahrelang war er depressiv und schluckte Antidepressiva. Aus Angst, seine Krankheit öffentlich zu machen und dadurch alles verlieren zu können, kam ein Aufenthalt in einer Klinik nicht in Frage. Stattdessen stellte er sich ins Tor von Hannover 96, am 8. November 2009 zum letzten Mal, da er zwei Tage später nahe seinem Wohnort Suizid beging.

Seither wurde dem Thema "Depressionen im Spitzensport" mehr Aufmerksamkeit geschenkt, einige Studien wurden durchgeführt, und es wurde versucht, das Thema zu enttabuisieren. Nichtsdestotrotz wird auch heute noch nicht oft darüber gesprochen. Martin Hinteregger, Naomi Osaka, Michael Phelps, Simone Biles und Lindsey Vonn - obwohl sie aus unterschiedlichen Sportarten kommen, haben sie und viele weitere Sportler eines gemeinsam: Sie kämpfen mit Depressionen sowie teilweise auch mit anderen psychischen Erkrankungen und sprechen diese öffentlich an. Phelps schwamm jahrelang um den Sieg: Er ist 23-facher Schwimm-Olympiasieger und somit Rekordhalter. Die Erkrankung überschattete jedoch immer wieder seine Erfolge. So sei er nach Wettkämpfen regelmäßig in schwere Depressionen verfallen - nach den Olympischen Spielen 2012 in London habe er beispielsweise tagelang sein Zimmer nicht mehr verlassen.

Eine weitere Olympiateilnehmerin, die für Schlagzeilen gesorgt hat, ist die Tennisspielerin Naomi Osaka. Die Japanerin machte vor wenigen Monaten bekannt, dass sie ebenso unter Depressionen leide. Ihr Start bei Olympia war lange fraglich, hatte die Nummer zwei in der Weltrangliste sich doch Wochen zuvor von den internationalen Tennisplätzen zurückgezogen, nachdem sie ihre Teilnahme bei den French Open zurückgezogen hatte. Nachdem sie den Grund für ihren Rückzug bekanntgegeben hatte, erhielt die 23-Jährige viel Unterstützung - auch von ihren Kolleginnen. Serena Williams twitterte: "Ich wünschte, ich könnte sie einfach umarmen, weil ich weiß, wie es sich anfühlt", so die 39-jährige Amerikanerin in Paris. Sie habe in der Vergangenheit auch solche Phasen erlebt, erzählte Williams. Ex-Tennisstar Martina Navratilova äußerte sich ebenso und mahnte: "Uns Athleten wird immer geraten, körperlich fit zu bleiben. Womöglich kommen da der mentale und emotionale Aspekt zu kurz."

Im Skisport bewies beispielsweise die Olympiasiegerin Lindsey Vonn, dass die psychische Erkrankung sowie die Einnahme von Antidepressiva sie nicht von ihren Erfolgen abhalten können. Nichtsdestotrotz habe sie "gute und schlechte Tage". Die ehemalige Skifahrerin hatte bereits 2014 gemeint, dass harte Trainings manchmal Depressionen bei ihr auslösen können: "Wenn ich körperlich besonders ausgelaugt und erschöpft bin, können sich die Leere und die Traurigkeit in mir ausbreiten. Aber die Medikamente fangen einiges ab."

Treffen kann es jeden

Doch nicht nur Olympiasieger und -teilnehmer haben mit psychischen Erkrankungen immer wieder zu kämpfen, auch andere Sportler kann es treffen. Vor kurzem erschien Martin Hintereggers Buch "Innensicht". Darin schrieb der 28-jährige Fußballer über eine Depression, nachdem er vom FC Augsburg zur Eintracht gewechselt war. "Dass ich Depressionen hatte, wusste keiner. Die Gespräche mit der Psychologin waren ganz wichtig, sonst wäre es wohl schlimm ausgegangen", sagte der Kärntner. Dies öffentlich zu thematisieren würde seiner Ansicht nach keine großen Auswirkungen auf die Situation von Kollegen haben - er erwarte ebenso keinen Wandel in der Branche. Nichtsdestotrotz hat es für ihn einen Sinn: Er wolle jüngeren Spielern helfen und vor allem Menschen außerhalb des Fußballs. "Ich denke, viele sind in diesem Kreis drin. Die sind auch fertig und denken sich jetzt hoffentlich: Ah, selbst der Fußball-Profi sucht sich Hilfe", so Hinteregger.

Vor einer psychischen Erkrankung ist keiner gefeit - auch nicht ein Fußball-Profi. Dennoch nimmt man an, dass es im Spitzensport zusätzliche Faktoren gibt, welche die Entstehung einer Depression unter anderem begünstigen können: Leistungsorientierung, Überforderung, Bewertung von außen, eine Verletzung, das Ausreizen von Leistungsgrenzen oder auch das Übertrainingssyndrom. Letzteres bedeutet, dass Trainings- sowie Regenerationspausen zu kurz kommen und sich folglich das Syndrom entwickeln kann. Aktuelle Studien - abgesehen von jenen, welche sich auf die Pandemie beziehen - sind rar und teilweise veraltet. Eine Studie von der Sporthochschule Köln und der Stiftung Deutsche Sporthilfe zeigte 2013 auf, dass neun Prozent der 1150 deutschen Spitzensportler eine depressive Erkrankung haben. Über 40 Prozent machten keine Angaben dazu. Ob diese Zahlen innerhalb von acht Jahren gestiegen oder gesunken sind, ist unklar. Corona wird eher für einen Anstieg gesorgt haben, davon sind alle Menschen betroffen. Nichtsdestotrotz scheint das Interesse an Studien zu diesem Thema nicht groß genug zu sein. Dabei ist gerade dieses ein besonders Wichtiges, schließlich gibt es auch zahlreiche andere psychische Erkrankungen neben der Depression.